Yojiro Hamasaki

Geigen- / Gitarrenbauer / Wattwil & St.Gallen



www.yojirohamasaki.ch
November 2015

Diesmal: Eine Reise mit dem Zug, von St.Gallen ins Toggenburg nach Wattwil. Der Spätsommer hält langsam Einzug, heute aber doch mit etwas viel Regen und entsprechend kalten Temperaturen. Zwischen den Hügeln haben sich Nebelschwaden eingenistet und lassen die Landschaft kompakter wirken. In einem ehemaligen Textilfabrikgebäude befindet sich das Büro mit der Werkstatt von Yojiro Hamasaki. Es ist ein Gefühl, als ob wir nicht im Toggenburg, sondern direkt in Japan angekommen wären. Wir werden mit grosser Höflichkeit begrüsst und hereingebeten. Die unterschiedlichsten Sinne nehmen sofort alles wahr, ein Free-Jazz-Orchester spielt leise Töne aus der Musikbox der Werkstatt, im Zimmer direkt neben dem Büro. Ein sanfter Duft von ätherischen Ölen, wie man ihn mit Japan verbindet, wärmt die ganze Atmosphäre mit all den vielen Geigen- und Gitarreninstrumenten, denen ausgestellt und sorgfältig ihr Platz gegeben wurde. Draussen kann es regnen und noch so kalt sein und nicht die Anmutung von Sommer haben – hier ist man sofort in einer anderen und sehr faszinierenden Welt angekommen. Wir sind gespannt…

Was haben Sie gelernt, bevor Sie passionierter Geigen- und Gitarrenbauer wurden?

Ich habe in Japan Jura studiert, in Hiroshima, wo ich aufgewachsen bin. Sogar die Immobilien-Prüfung habe ich absolviert, da ich eigentlich Immobilien-Schätzer werden wollte. Während dem Jura-Studium habe ich in einer Jazzformation Schlagzeug gespielt und viel Musik gehört. Irgendwann habe ich den Musikkünstler Stephane Grappeli entdeckt. Ich war hin und weg von seiner Musik, denn er spielte phantastisch Geige. Er war es, der mich inspirierte, mich vermehrt dem Instrument Geige zu widmen. Ich besuchte ein Jahr lang intensiv Geigenunterricht und lernte die wichtigsten Eigenschaften, Griffe und einfachere Musikstücke. Während dieser Zeit lernte ich einen Geigenbauer kennen. Ich wollte nur meine Geige zu ihm in die Werkstatt bringen, um sie reparieren zu lassen. Er war ein unglaublicher Mensch und faszinierte mich, ich war gefangen von seiner Art, seinem Charisma. Für mich war diese Begegnung entscheidend dafür, dass ich Geigenbauer werden wollte. Sofort war mir klar, dass dies mein Beruf sein wird. Das Jura-Studium habe ich natürlich noch abgeschlossen. Meine Eltern wollten das so, und mein Meister hatte mir dies ebenfalls empfohlen. Danach habe ich zwei Jahre gearbeitet, war in meiner Freizeit sehr oft beim Geigenbauer (meinem künftigen Meister) und habe mir meine eigene Geige gebaut. Danach ging mein japanischer Meister nach Italien (Cremona) – und ich reiste mit ihm mit. Anfangs musste ich wirklich intensiv Italienisch und für die Aufnahmeprüfung an die Geigenbauerschule lernen. Ich war sehr fleissig im Lernen für die Prüfung und konnte anstatt im ersten im dritten Schuljahr einsteigen. Nach der Ausbildung habe ich ein zweijähriges Praktikum bei meinem Meister absolviert. Es war eine unglaublich gute und äusserst spannende Zeit für mich in Italien. Seit 2007 bin ich nun in der Schweiz offiziell als gelernter Geigen- und Gitarrenbauer tätig.

War Gegeinbauer immer schon auch als Junge Ihr Traumberuf?

Nein. Erst mit 20 Jahren habe ich angefangen Geige zu spielen. Als junger Bub habe ich früh angefangen Kendo zu spielen, und daher wollte ich ursprünglich Polizist werden. Es hat sich aber alles geändert, wie Sie sehen (lacht).

Was fasziniert Sie am Beruf des Geigenbauers?

Der Klang begeistert mich immer wieder von neuem. Dann das Material Holz – ein unglaublich vielseitiges Naturmaterial; aber auch die verschiedensten Lacke mit den feinsten Farbpigmenten, die ebenfalls aus der Natur gewonnen werden. Es ist auch der Klang der Geige generell, er ist einfach nur wunderschön. Das Spektrum vom Mensch mit seiner Geige: Ich spüre sehr oft bei meinen Kunden, was da für eine starke Verbindung besteht. Die Geige ist ein sehr wertvolles Schmuckstück, das mit grosser Sorgfalt und viel Liebe vom Besitzer gepflegt wird. Der Kontakt mit meinen Kunden, den vielen verschiedenen Musikern, Geigenmusikern und all den interessierten Menschen, die mich besuchen und sich für die Geige interessieren. Es freut mich immer wieder, wenn sich die Menschen für die Geige und die Geschichte um sie herum interessieren.

Spielen Sie selber auch Geige oder auch andere Instrumente?

Ja, ich spiele Geige, Cello und Gitarre. Alles aber nur ein wenig. Ich dachte immer, wenn ich Geigenbauer werde, dann kann ich auch sehr gut Geige spielen. Dem ist aber nicht so (lacht). Für den Geigenbauer ist es in erster Ja, ich spiele Geige, Cello und Gitarre. Alles aber nur ein wenig. Ich dachte immer, wenn ich Geigenbauer werde, dann kann ich auch sehr gut Geige spielen. Dem ist aber nicht so (lacht). Für den Geigenbauer ist es nicht ein Muss, Geige spielen zu können. Er muss sie aber beherrschen: Ein Geigenbauer muss die Töne heraus hören können, wenn er sie restauriert, repariert oder wieder stimmt für den Kunden. Ich würde aber gerne wieder viel mehr Geige spielen. Es gibt sehr viele Projekte, die ich in meinem Kopf habe und welche ich noch umsetzen möchte… es braucht einfach ein wenig Zeit und ein bisschen mehr.Linie nicht ein zwingendes Muss, Geige zu spielen. Er muss sie aber beherrschen. Ein Geigenbauer muss die Töne heraus hören können, wenn er sie restauriert, repariert oder wieder stimmt für den Kunden. Ich würde aber gerne wieder viel mehr Geige spielen. Es gibt sehr viele Projekte, die ich in meinem Kopf habe welche ich noch umsetzen möchte … es braucht einfach ein wenig Zeit und ein bisschen mehr.

Gibt es den Beruf auch als Berufslehre?

Es gibt in der Schweiz, in Brienz, eine Geigenbauer-Schule. Einen Geigenbauerverband gibt es ebenfalls. Sie diskutieren über ein mögliches System einer Ausbildung zum Geigenbauer und möchten dieses Thema aufgreifen. Genaueres weiss ich allerdings auch nicht. Die Berufslehre als Geigenbauer im klassischen Sinn gibt es also noch nicht. Es wäre sehr schön, wenn die Möglichkeit bestünde, jungen Menschen dieses Handwerk beizubringen.

Wissen Sie, wie viele Geigenbauer es in der Schweiz gibt?

Ich schätze, so um die 100 Mitglieder sind dem Geigenbauerverband angeschlossen. Dann gibt es noch ein paar wenige, welche dem Verband nicht beigetreten sind. Darum wohl um die 120 Geigenbauer, die es in der Schweiz aktuell gibt. Das sind sehr viele für dieses kleine Land. Im Vergleich aber doch auch wieder sehr wenige, wenn man die Handwerksberufe rundherum anschaut.

Denken Sie, dass dieses Handwerk irgendwann verloren geht? Eine Geige wird ja nicht industriell hergestellt.

Das bleibt, solange die Instrumente gespielt und geschätzt werden. Es besteht sicher die Möglichkeit, Geigen mit CNC-Maschinen oder bald auch mit 3D-Druckern herzustellen. Wie die Qualität davon sein wird, kann ich nicht genau sagen. Solange die Musik gehört wird und die Menschen das Handwerk der Geigenmusiker an Konzerten geniessen und schätzen, braucht es uns Geigenbauer selbstverständlich.

Wie lange sind sie bereits Geigenbauer?

Seit 2007 bin ich in der Schweiz. Damals habe ich meine Werkstatt in der Wohnung gehabt. Seit 2010 bin ich im ehemaligen Häberlein-Gebäude in Wattwil mit meinem Büro und der Werkstatt. Und in St. Gallen habe ich ebenfalls einen kleinen Laden mit Werkstatt.

Gibt es einen Unterscheid von früher zu heute?

Einige sagen, dass Geigen um das 18. Jahrhundert besser waren. Damals waren die Jahre viel kälter, nicht wie heute bei uns mit dem zunehmend wärmeren Klima. Und weil es kälter war, wuchs auch das Holz viel langsamer, es war robuster, zäher und viel langlebiger. Instrumente zum Beispiel, von Stradivari wurden ca. vor 250 Jahren gebaut. Diese Instrumente haben heute eine sehr schöne Materialeigenschaft und sind selbstverständlich auch von sehr grossem Wert. Aber auch die Geigen von damals verlieren mit den Jahren ihre Kraft. Wenn man von Hand arbeitet, ist die Geigenbau-Methode heute immer noch dieselbe wie damals vor sehr vielen Jahren.

Wie viele Instrumente haben Sie bereits gebaut?

Bis heute sind es um die 50 Einzelstücke. Für den Bau einer Geige benötigt man 200 – 300 Stunden. Für eine Gitarre sind es etwas weniger Stunden. Streichinstrumente zu bauen ist viel aufwändiger, da diese geschnitzt sind. Die Lack-Wahl spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Je nach Lack muss man das Instrument mit 40 – 50 Schichten zuerst lackieren, dann abschleifen, danach wieder lackieren und so weiter.

Was werden Sie in Zukunft noch bauen?

Ich habe in letzter Zeit fast keine Instrumente mehr gebaut. Es kamen viel mehr Reparaturarbeiten dazu, was ich nicht umgehen kann und will, denn auch an diesen Aufgaben entdecke ich immer wieder Neues. Das Bauen von Instrumenten will ich aber wieder aufnehmen, denn genau deswegen wollte ich das Handwerk vom Geigenbau erlernen. Und ich bin einen weiten Weg gegangen und nicht zuletzt dafür auch in die Schweiz gekommen. Geigenbauer zu sein ist meine Passion und meine Berufung. Dazu gehört das Bauen wie auch das Reparieren und Restaurieren dieser wundervollen Instrumente.