Nuél Schoch

Musiker / Webdesigner / Grafiker / Zürich



www.kejnu.com
Juli 2016

Ist es nicht wundersam, was in all den Häusern geschieht, aus denen Städte bestehen, die Gassen flankieren und jahrein, jahraus einfach dastehen, Betonschachteln mit Einlassungen für Fenster und Balkontüren, aber letztlich doch geschlossen und undurchdringbar. Hinter einem solchen Balkon befindet sich das Zimmer des Musikers und Webdesigners Nuél Schoch, seines Zeichens Namensgeber, Artworker und musikalischer Mastermind der Zürcher Band Kejnu, immer wieder aber noch Webdesigner und seit jüngstem auch als Gestalter von spielkartengrossen illustrativen Perlen aktiv. Hinter der unscheinbaren Fassade im Zürcher Kreis 4 befindet sich die dichtgedrängte Welt von Nuél, in der er musiziert, gestaltet, schläft und sich immer wieder mit neuen Balkonpflanzen umgibt.

Nuél, du bist Illustrator, Grafiker, Webdesigner und Musiker – was, von all diesen Sachen, bist du zuerst?

Seit ich ein kleiner Junge bin, ist es mein Ziel, Musiker zu sein. Dieses Ziel habe ich noch nie aus den Augen verloren, und darum fühle ich mich zuerst als Musiker. Daneben habe ich momentan mit dem Webdesign auch noch eine andere wichtige Beschäftigung – nicht zuletzt, weil ich damit das Geld verdiene, das ich zum Leben benötige. Hier habe ich in den vergangenen 10 Jahren viel Know-How aufgebaut und befasse mich mit grosser Freude damit. Mehr als Grafiker und Illustrator bin ich Künstler. Denn obwohl es von mir keine Ausstellung zu besuchen gibt, drückt mein Kunststudium in allem durch, was ich heute aktiv betreibe.

Musik zu studieren, kam aber nicht in Frage?

Es klingt vielleicht komisch: Ich wollte Musik nie studieren, weil sie mir dafür zu wichtig ist. Sogar als pubertierender Teenager verfügte ich stets über die Kreativität und Disziplin, meine Technik weiterzuentwickeln und damit unterschiedlichsten Ideen umzusetzen. Ein Studium schien mir dazu schlicht nicht nötig; ausserdem war da auch die Befürchtung, das Musizieren würde dabei zur Pflicht verkommen und mir die Freude an dieser Ausdrucksform nehmen.

Stattdessen hast du Kunst studiert, und sie speist ja dein ganzes Schaffen. Wie nahe bewegst du dich an der Kunst?

Die Routine, die notwendig ist, um grössere Projekte zu realisieren, fehlt mir. Zudem sind meine Kumpels praktisch alle Musiker. Ich habe momentan wenig Berührungspunkte zur Kunst, obwohl mich das Feld an sich doch reizt. Bei einer Ausstellung im vergangenen Jahr habe ich jedoch Blut geleckt. Dort habe ich eine umfassende Sammlung kleiner Zeichnungen für einen karitativen Zweck verkauft und die Atmosphäre sehr genossen. Das war bestimmt nicht keine einmalige Sache.

Dann ist Routine also etwas Gutes im Kreativprozess?

Man darf Routine nicht missverstehen als ein Abstumpfen: Meine Routine führt nämlich dazu, dass ich klarere Ziele entwickle. Ein Beispiel: Momentan arbeite ich auf ein Album hin – das kann über drei oder vier Jahre hinweg für mich ein enormer Antrieb sein. Wenn das Album abgeschlossen ist, kann ich Konzerte organisieren, Leute kommen dann vorbei, flashen einen Abend lang ab. Damit schliesst sich für mich ein Kreislauf, mit dem ich vertraut bin und wo ich nie die Orientierung verliere.

Erzähl noch etwas mehr davon, wo Kunst in deinem Leben durchdrückt.

Ich habe die Kunst jetzt sicher kleiner gemacht als sie tatsächlich für mich ist. Schliesslich mache ich selber die Artworks für meine Band Kejnu, ich habe eine grosse Sammlung von kleinen Zeichnungen – aber abgesehen von der Ausstellung letztes Jahr erfüllte das meine Bedürfnisse bisher. Mittlerweile kann ich mir durchaus vorstellen, irgendwann ernsthaft ein umfangreicheres Kunstprojekt zu starten und selbstbewusster auszustellen.

Verläuft also für dich die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst beim Stichwort „Ausstellung“?

Nach meiner Auffassung ist Kunst immer unabhängig: Ihr unmittelbarer Nutzen darf nicht zum Vornherein festgelegt und erkennbar sein. Einen grafischen Auftrag für ein Artwork würde ich nicht mit dem Kunstbegriff angehen; es ist ein Artwork. Für mich bewegt sich Kunst in einem ganz engen Rahmen, aber mit unendlichen Möglichkeiten.

Wie viel Kunst, also Unabhängigkeit, steckt in der Musik, die du machst?

Musik ist für mich ebenfalls etwas völlig Eigenständiges. Musik zu machen ist ein Selbstzweck. Meistens ist die Erwartung an die Musik auch einfach, dass es Musik sei. Wenn ich bei den Definitionen von Musik und Kunst bleibe, die ich hier gebraucht habe, dann müsste ich konsequenterweise sagen: In meiner Musik ist keine Kunst drin, sondern nur Musik.

Du trennst also Konsequent zwischen Musik und Kunst?

Ich sehe die Schnittfläche von Kunst und Musik in mir als Person, nicht wirklich in meiner Arbeit. Ab und zu schaffe ich zwischen beidem eine Verbindung, z.b. mit mathematischen Musikexperimenten, deren Resultate mich wenig an Musik aber mehr an Kunst erinnern.

Bei deinen Musik-Projekten hältst du alle Fäden in der Hand. Ganz anders ist das Auftragsverhältnis bei deinen Arbeiten als Webdesigner. Brauchst du diesen Gegensatz als Balance in deinem Leben?

In meinen Augen ist dieser „Gegensatz“ mehr eine Symbiose: Letzteres finanziert mein Leben und macht Ersteres erst möglich. Beide Konstellationen haben ihre angenehmen und weniger angenehmen Seiten: Am Webdesign gefällt mir, dass es von Logik dominiert ist und das Kreative einen klar zugewiesenen Platz hat. Dann habe ich aber auch diesen krassen kreativen Drang, etwas zu erschaffen und entdecken und aus meinen Tiefen heraufzubeschwören. Das setze ich dann mit der Musik um.

Du schläfst an deinem Arbeitsplatz.

Natürlich. Ich bin der geborene Home-Office Typ. Ich kümmere mich nicht darum, wie es nach aussen hin wirkt, dass ich mit dem Stuhl vom Bett zu meinem Büro gerade mal 2 Meter weit rollen muss. Es ist die perfekte Arbeitsumgebung. Ich stelle meine musikalischen und gestalterischen Bedürfnisse mit Schlafen, Essen und Duschen gleich, also kann es auch am gleichen Ort stattfinden.

Was ist für dich der grösste Gewinn deiner Selbständigkeit?

Der Punkt ist: Wenn ich in einem anderen Job an einem anderen Ort mehr Geld verdienen würde, müsste ich es dafür ausgeben, mir diese Zeit und Möglichkeiten zu erkaufen, die ich jetzt eben zur Verfügung habe. Ich brauche nicht mehr Geld, kein teures Auto – ich bin einzig interessiert an Zeit und Freiheit, das ist alles.

Dein ganzes Leben dreht sich um Kreativität. Spürst du einen Druck, deswegen auch immer und jederzeit offen sein zu müssen für Inspiration?

Inspiration ereignet sich meistens verdeckt und unsichtbar. Ich kann selten mit dem Finger auf etwas zeigen und sagen, das hat mich inspiriert. Natürlich gibt es Phasen, in denen ich mehr oder weniger geöffnet bin für Inputs. Aber mein kreativer Prozess beginnt damit, dass ich einfach anfange. In dieser Auseinandersetzung mit dem, was ich mir selber vorgebe, entstehen dann die Dinge. Insgesamt gehe ich bestimmt mit offenen Augen und einem scharfen Blick durch die Welt. Ich sehe vieles, das anderen nicht auffällt. Ich schaue mir die Dinge an, weil ich sie interessant finde und sie mir gefallen – nicht, weil ich der Inspiration nachrenne. Eher noch entscheide ich mich in gewissen Momenten bewusst gegen das offen Sein: Etwa, wenn ich an neuen Songs arbeite. Dann höre nur meine eigene Musik und nichts anderes.

Kannst du schon andeuten, wohin dich deine Musik in nächster Zeit lenken wird?

Die letzte Zeit war sehr intensiv: Wir waren mit Kejnu auf Tournee, dir mir extrem konzentriert das vermittelt hat, was ich mir eigentlich für mein ganzes Leben wünsche. Das war ein fantastischer Höhepunkt in meinem Leben. Kürzlich habe ich den Proberaum gewechselt und bin eingebettet in ein riesiges und vielseitiges Netzwerk von Musikern und Künstlern. Der Plan ist, im Frühling 2017 neue Songs mit Kejnu präsentieren zu können. Gleichzeitig möchte ich auch über das Bandprojekt hinaustreten und meinen eigenen Output vielseitiger gestalten, auf mehr Kanälen umsetzen. Was es dann sein wird, steht auf den Titelblättern der Zeitung. (lacht)