Moni Matschass-Giger

Tätowiererin / St.Gallen



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Juli 2013

An einer viel befahrenen Strasse in einer unscheinbaren Häuserreihe findet man die Türanschrift von Moni Giger und ihrem sympathischen Freund, den es von der Ostsee nach St.Gallen gezogen hat. Mit dem ersten Schritt in die Wohnung befinden wir uns in einem grosszügigen Entree. Da stehen wir nun mitten in der privaten Wohnung und stellen fest, dass – entgegen der weit verbreiteten Meinung – tätowierte Menschen überhaupt kein Grund zur Angst sind. Moni Giger und ihr Freund Peter sind nicht nur an den Oberarmen tätowiert, wie sich dies viele vorstellen. Auf den ersten Blick ziert die farbige Körperkunst die Hände, Finger und den Hals von Moni. Es ist eher ein kalter, sehr nasser Interview-Tag. Verständlich, dass Moni ihre farbige Körperkunst nicht in Sommerkleidung präsentiert. In der gemütlichen und sehr stillvoll eingerichteten Küche wärmt ein Kaffee die noch etwas kalte Morgenstimmung auf und zaubert uns allen ein Lächeln ins Gesicht.

Ganz einfach – wie wird man Tätowiererin? Gibt es dafür eine Künstler-Tattoo Schule?

Es ist ein sehr grosser Vorteil, wenn man über den gestalterischen Vorkurs verfügt, und nachher einen gestalterischen Beruf erlernt hat. Bereits während meiner Lehre habe ich mich sehr für Körperschmuck, sei es Piercing oder Tattoos, interessiert. Nach meiner Lehre habe ich unzählige Bewerbungen an Piercing-Studios versandt und musste entsprechend viele Absagen akzeptieren. Mein Wille war so stark, dass ich nicht aufgeben konnte. Meinen Einstieg in die Welt des Piercings und der Tattoos fand ich schliesslich in einem Studio in Zürich. Während der Arbeit als Piercerin war ich viel in Kontakt mit Tätowierern und tätowierten Kunden. Mit der Zeit habe ich parallel zum piercen das Handwerk des Tätowierens erlernt. Es gibt in diesem Sinn keine Schule – nur jene am Arbeitsort, im Studio selber. Es ist ein Handwerk, das man sich selber beibringt.

Weshalb hast du diesen Weg als Tätowiererin gewählt? Hast du vorher etwas anderes gemacht?

Ja, was ganz anderes (schmunzelt)! Während der Zeit im Vorkurs an der Schule für Gestaltung in St.Gallen und auch zu meiner Lehrzeit war meine Begeisterung für Tattoos enorm gross. Ich wusste, dass ich auf meinem erlernten Beruf nicht bleiben würde. Ich wollte täglich meiner Berufung nachgehen, und diese sah ich im Tätowieren. Dem ist heute noch so!

Was hat dich dazu bewegt, den Weg in diese Kunstszene einzuschlagen?

Es war das Interesse für die Persönlichkeitsentwicklung – vom Kind zum Erwachsenen. Ich wollte anders sein und ausbrechen. Meine Persönlichkeit bekam plötzlich ihren eigenen Stil. Es stört mich, dass man sich in unserer Gesellschaft immer zurückhalten muss. Ich weiss nicht, warum das so ist. Ich wollte der Gesellschaft diesen Gefallen nicht tun und mich meiner Umgebung nicht anpassen. Mit meiner Arbeit und meinen eigenen Tattoos konnte ich in den letzten Jahren ein Zeichen setzen – für mich. Es ist wichtig und bedeutet mir viel.

Hast du dir in diesen Jahren einen speziellen Stil angeeignet, der ein gezieltes Publikum anspricht?

Mein Stil hat sich mit der Zeit ergeben. Ich nenne ihn Neo Traditional/Old School. Was ich sehr gerne mag und oft zeichne, sind Sujets im Navy-Stil.

Dein Aussehen ist ja bereits Kunst! Wieviele Jahre Tätowierung zeichnen deinen Körper?

Mein erstes Tattoo liess ich mit 20 Jahren zeichnen. Mittlerweile habe ich am ganzen Körper eine grosse Anzahl davon. Und, es ist keine Sucht, absolut nicht! Es ist eine positive Leidenschaft. Du gehst damit einen Schritt weiter, mit deinem Körper und deinem Geist. Es hat damit zu tun, dass du deinen Geist und dein Bewusstsein klar definierst und wahrnimmst, dich selber spürst.

Wie sind die Reaktionen auf dich, wenn du unterwegs bist? Wirst du angesprochen auf dein Aussehen, wird getuschelt, schauen die Passanten weg oder sind sie interessiert?

Es liegt wohl in der Natur von Frau und Herr Schweizer, dass sie lieber gaffen, auffällig tuscheln oder mir einfach eine unübersehbare und kopfschüttelnde Geste schenken. Es gibt verschiedene Arten von Blicken, irritierende oder interessierte. Nur wenige Leute sprechen mich direkt an, zeigen sich interessiert oder sprechen auch mal ein Kompliment aus. Ab und zu kommt es aber doch vor. Dies sind dann schöne Komplimente. Wir alle nähren uns schliesslich damit und es tut uns allen gut! Es gibt aber Anlässe, an welche ich lieber nicht gehe. Denn – nicht ich und mein Freund sollen Mittelpunkt einer Einladung sein, sondern die Gastgeber. Und aus Rücksicht auf unsere Freunde, haben wir auch schon Feste abgesagt. Viele haben das Gefühl, wir könnten nur über Tattoos diskutieren und dann höre die Welt auf. Dem ist aber bei Weitem nicht so!

Gibt es Lieblingsmotive, die du gerne zeichnest und stichst?

Ich mag Kunden, die Motive mit einem persönlichen Hintergrund wählen. Sei es eine Widmung in Form von Symbolen, Fantasiewelten oder Schriftzügen. Maritime Seemanns-Motive gehören zu meinen Favoriten.

Wie ist der Ablauf von einem Wunsch-Tattoo? Zeichnest du oder der Kunde?

Ein persönliches Beratungsgespräch ist Voraussetzung. Ich will den Kunden kennen lernen, spüren, sehen und hören, was seine konkrete Vorstellung von einem Tattoo ist. Aus dem Gespräch trage ich die Ideen zusammen und mache einen ersten Skizzen-Vorschlag.

Die Zukunft. Was folgt? Wird mehr oder weniger tätowiert?

Es wird mit Sicherheit mehr tätowiert. Tattoos sind in der letzten Zeit zu einem enormen Trend geworden. Manchmal habe ich das Gefühl, in unserer Gesellschaft gehöre es heute einfach dazu, sich ein Tattoo stechen zu lassen. Man muss eines haben, man will anders sein, eben speziell. Ich hoffe, dass sich die Kunden künftig mehr Gedanken über das Tätowieren machen. Es ist ein Körperschmuck, der bleibt und nicht in wenigen Tagen wieder weggewischt werden kann, weil plötzlich kein Gefallen mehr daran gefunden wird. Spontane Entscheidungen sind OK, aber sich damit zu befassen rate ich Jedem. Hinzu kommt, dass nicht jeder Tätowierer jedes Sujet, jeden Stil tätowiert.

Deine Passion, deine Inspiration – wovon lässt du dich leiten?

Das ist der Nachteil an meinem Beruf. Ich kann selten abschalten. Überall und ständig – egal wo ich bin – ich sehe diverse Szenerien die ich als Inspiration mit nach Hause nehme und als erste Ideen aufs Papier bringe. Muster, Möbel, Plakate … zum Beispiel antike Plakate mit Zirkus-Sujets prägen meinen Stil. Ich orientiere mich natürlich auch an den Besten der Besten. Davon gibt es einige. Sei es bei uns in Europa, China, Amerika … das Internet mit diversen Blogs. Facebook ist nicht zu vergessen, um mich auch mit meinen BerufsgenossInnen auszutauschen.