Lisa Contaldi

Modedesignerin / St.Gallen



www.li-con.ch
August 2015

In einem alten Fabrikgebäude im Feldli-Quartier in St.Gallen finden wir den Eingang zu einem Grossraumatelier, in welchem mehrere Künstler mit den unterschiedlichsten Kunststationen eingerichtet sind. Ganz hinten in der Ecke hat Lisa Contaldi ihr Schneideratelier eingerichtet. In diesem Grossraumatelier ist Lisa sehr oft in ihrer Freizeit anzutreffen. Zum Interview hat sie auf die Mittagszeit geladen. Die zierliche junge Dame empfängt uns herzlich mit einem ansteckenden Lachen: «Schön, dass ihr da seid, herzlich willkommen im Atelier!» Selbstverständlich haben wir uns dafür entschieden, zuerst die Interviewfragen durchzugehen und uns erst danach gemütlich dem Zmittag zu widmen. Sie führt uns durchs ganze Atelier und erzählt uns dann am grossen Tisch – mit viel Freude und Euphorie – die Geschichte über sich und ihr Schaffen. Wir sind ganz Ohr und hören ihren Erzählungen gespannt zu. Und das auch noch während dem feinen Zmittag und während wir die frischen Erdbeeren zum Dessert geniessen, die sie für uns aufgetischt hat.

Lisa, wie bist du zur Mode gekommen? War für dich früh klar, dass du in die Modewelt willst?

Die Handarbeit in der Schule war für mich sehr langweilig, dafür gefiel mir das Zeichnen umso besser. Ich wollte jedenfalls mit den Händen arbeiten, das wusste ich sehr früh. In meiner Jugendzeit musste ich jeweils die Kleider von meiner Schwester nachtragen. Dadurch wurde mir bald klar, dass ich das nicht wollte, sondern ich wollte meine Mode selbst kreieren – Mode, die mir Freude bereitet. Das Zeichnen, Bedrucken und Zusammennähen unterschiedlichster Stoffmaterialien – diese Kombination und die Handarbeit – weckten mein Interesse für die Modewelt. Ich habe eine Lehre als Bekleidungsgestalterin in einem Couture Atelier absolviert. Nach der Lehre zog es mich nach Zürich. Bald wusste ich, dass ich nicht mehr als Schneiderin arbeiten wollte, weil man in diesem Bereich nur auszuführen hat. Meine Spontanbewerbung bei Hugo Boss im Tessin öffnete mir die ganz grosse Türe in die Welt der Mode. Nach dem Praktikum hatte ich fast fünf Jahre lang eine Festanstellung inne und habe unglaublich viel gelernt. Heute bin ich seit vier Jahren für den Musterstoff-Einkauf bei Akris in St.Gallen zuständig.

Du bist bereits mittendrin in der Mode- und Designwelt. Welche Idee steckt hinter deiner Idee, ein Privatprojekt ins Leben zu rufen?

Als Musterstoff-Einkäuferin bin ich sehr viel am Computer. Das Handwerk, welches ich immer wollte, geht bei dieser Arbeit aber verloren und war plötzlich weit entfernt von mir. Ich habe aus persönlichem Interesse einen Siebdruck-Kurs besucht, welcher mich von verschiedenen Experimenten inspirierte. Dieser Kurs und die Freude an der ganzen Sache waren ausschlaggebend für meinen Entscheid, mein Projekt umzusetzen und den ersten Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Anfangs war es wie ein teures Hobby. Denn das Zuschneiden von Stoffen, das Zeichnen, Anziehen von Puppen, etc. … das kannte ich bereits alles. Ich wollte Neues entdecken und lernen. Dazu war der Siebdruck-Kurs wie prädestiniert.

Deine Design- und Einzelstücke werden mit viel Liebe geschneidert. Bleibt da noch etwas Freizeit, mal ohne Mode?

Die Mode ist immer präsent bei mir und begleitet mich stetig, auch in der Freizeit. Wirklich immer. Ich liebe es, Menschen zu bemustern, indem ich sie hinterfrage: „Was wohl für ein Charakter hinter dieser Person steckt? Fühlt sie sich wohl in ihrer Kleidung? Im gewählten Outfit? Was genau passt zu dieser Person, was nicht?“ Ich bin ständig am Beobachten, am ‚Bemustern‘ – selbstverständlich im positiven Sinn. Für mich ist das Beobachten eine Inspiration und daraus entstehen immer wieder Ideen für neue Designs.

Kannst du dir vorstellen, nur noch für deine Eigenkreation zu arbeiten?

Ja sicher. Daran arbeite ich (lacht). Ich bin nun bereits teilselbständig und möchte mich irgendwann ganz selbständig machen. Das ist eines meiner Ziele. Die Zeit wird kommen. Ich habe ständig laufende Projekte und solche, die ich neu angehe. So fehlt mir manchmal die Zeit für mich selbst. Die Schwierigkeit ist in der Tat, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen.

Was ist dein Ansporn und deine Inspiration für die Eigenkreation?

Ich möchte Stücke kreieren, welche ich gerne selber tragen würde. Wenn ich schöne Muster oder Farben entdecke, irgendwo aufschnappe, dann möchte ich gerne sofort etwas Schönes daraus designen. Wenn mir zum Beispiel bei einer Bluse aus einem Kleiderladen das Muster gefällt, nicht aber der Schnitt, dann setze ich mich hin, beginne zu skizzieren, und entwerfe ein neues Kleidungsstück.

Gibt es für dich bestimmte Mode-Gurus, die dich inspirieren?

Das gibt es bestimmt, ich kann jetzt allerdings keine bestimmten Namen nennen. Es ist eine Mischung aus diversen bekannten, aber auch unbekannten Designern. Ich durchstöbere oft die verschiedensten Labels im Internet und lasse mich inspirieren. Zwei bis drei Mal pro Jahr fahre ich nach Paris und Mailand, um mich direkt vor Ort von den Menschen und den Shops inspirieren zu lassen.

Achtest du auf die aktuellen Trends (Modewelt) oder setzt du dir deine eigenen Trends?

Beides. Ich lasse mich auch von bestehenden Trends inspirieren. Diese werde ich aber nicht eins zu eins übernehmen, sondern bringe meine eigene Handschrift ins Design der Kollektion ein. Wenn ich je nach Saison Lust habe, eine bestimmte Farbe zu tragen, dann wird meine Kollektion von dieser Farbe dominiert. Ich versuche, meine Persönlichkeit in meine Designs zu integrieren, sodass diese einzigartig werden.

Hast du Kreationen/Designs, die du in mehrfacher Ausführung schneiderst, weil sie so gut ankommen – oder sind es Einzelstücke?

Ich entwerfe und schneidere immer erst einen Prototypen für mich selber. Entweder gibt es dann daraus mehrere Teile oder es bleibt für mich ein Einzelstück. Wenn es mehrere Teile gibt – z.B. zirka zehn, übergebe ich die Herstellung einem Schneideratelier. Um einen ersten Prototypen zu designen und zu fertigen, benötige ich zwei bis drei Stunden, oder auch mal einen bis zwei Tage. Je nachdem wie komplex und aufwändig das Stück ist. Vielfach mache ich aber gleich mehrere Stücke, vor allem in Weiss und Schwarz für die Wintermonate oder je nach Farbe für den Frühling/Sommer.

Gibt es auch Stücke, die du nur für dich persönlich kreierst, als Unikat?

Ja. Ich habe zu Hause eine Riesenmenge wunderschöner Stoffe, die ich immer wieder für mich zur Seite lege, damit ich mir daraus etwas Spezielles schneidern kann. Ein Kleid oder ein Shirt zum Beispiel. Zu Hause habe ich viele Kleider, welche ich nur für mich entworfen habe und sie auch sehr gerne trage.

Beeinflusst deine Stimmung/deine Gefühlslage und die Jahreszeit deine Kreationen und die Wahl der Materialien (im Sommer Seide, im Winter Wolle)?

Die eigene Stimmung hat einen grossen Einfluss darauf, wie und was man entwirft oder kreiert. Auch mein Charakter zeigt sich in meinen Kollektionen. Ich entwerfe das, was ich selbst gern hätte. Es gibt aber auch Kleidungsstücke, die ich selber nie tragen würde, weil mir zum Beispiel der Mut dazu fehlt. Denn in den Kleidern soll man sich wohl fühlen – man strahlt immer aus, wie man sich in den Kleidern fühlt.