Karin Reichmuth

Schneiderin / St.Gallen



www.karinreichmuth.ch
September 2013

Viele Stufen muss man auf sich nehmen um Karin Reichmuth in ihrer charmanten Jugendstilwohnung zu besuchen. Und noch ein paar Stufen mehr um ihr Nähzimmer zu erreichen. Die Sonne hatte sich an diesem Tag noch nicht gezeigt, doch während des Interviews verzogen sich die Wolken und so erging es uns auch beim Besuch. Karin strahlte, als sie uns von ihrer Schneiderkunst erzählte. Man spürte ihre grosse Leidenschaft und hätte am liebsten ein Stück ihrer Kreativität nach Hause mitgenommen 

Erzähl uns bitte, wie du zum Nähen gekommen bist.

Ich begann aus einer «Notlage» heraus zu nähen. Als ich in der Sekundarschule keine passende Hose mehr zu kaufen fand, nahm ich die Nähmaschine meiner Mutter und schneiderte mir spontan ein Paar Hosen. So startete mein Nähfieber. Anfangs waren meine Kleidungsstücke eher schräg, man könnte auch sagen im «Hippie Stil». In der Diplommittelschule wurde ich zum ersten Mal von einer Freundin angefragt, ob ich ihr etwas nähen würde. Seither schneidere ich auch auf Auftrag und stelle meine fertigen Kleiderstücke an Märkten aus und verkaufe diese.

Das heisst, du hast nie in einer Schule nähen gelernt?

Nein, ich habe noch nie einen Nähkurs oder etwas in der Art besucht. Natürlich hatte ich auch Handarbeit, jedoch fand ich es dort eher langweilig. Die inspirierende Freude am Schneidern war und ist mein täglicher Lehrmeister. Deshalb sind meine Kleider auch nicht perfekt oder können nicht perfekt sein. Das bedeutet nicht, dass sie qualitativ schlechter sind. Es wurde nur nicht nach Lehrbuch geschneidert. Vor kurzem hat mir jemand gezeigt, wie man einen Reissverschluss «richtig» einnäht (lacht)! Aber es funktioniert auch anders.

Dann hast du also einen anderen Beruf gelernt?

Ja. Nach einer abgebrochenen Kochlehre ging ich in eine andere Berufsrichtung und arbeitete mit beeinträchtigten Menschen. Nach einem Jahr Praktikum konnte ich das Studium zur Ergotherapeutin absolvieren. Seit dem Abschluss vor zwei Jahren arbeite ich nun in der Geriatrischen Klinik in St.Gallen. Anfangs waren es 80 % und seit Februar konnte ich auf 60 % reduzieren, damit ich zwei Tage in meinem Nähatelier verbringen kann.

Hast du das Ziel, dein «Hobby» zum Beruf zu machen?

Ehrlich gesagt denke ich, zur Zeit nicht. Ich mag die Abwechslung, welche ich durch die Arbeitsteilung habe. In der Klinik bin ich für andere Menschen da, und in meinem Atelier kann ich ganz für mich alleine sein. Der Gegensatz macht meinen Alltag so spannend. Aber vor allem hätte ich Angst, zu fest in meine eigene Welt einzutauchen. Als ich dieses Jahr vor einem Markt eine Woche lang Ferien nahm, um an Kleidern zu arbeiten, war ich schon völlig in meiner Welt. Deshalb ist es für mich super, im Moment beide Berufswelten zu erleben, an denen ich grosse Freude habe. Dabei schliesse ich nicht aus, dass ich später mal nur nähen möchte.

Was man sich fast nicht vorstellen kann, du entwirfst und produzierst deine Kleider ohne Schnittmuster?

Meine Inspiration liegt im Moment. Ich habe eine gewisse Idee von einem Kleid und verfolge diese. Wenn ich ein Schnittmuster davon machen müsste, wäre ich nicht mehr flexibel genug um zusätzliche Inspirationen einzubringen. Ohne die Vorlage bin ich spontaner und somit experimentierfreudiger.

Dann teilst du die Meinung, dass zuviel gelerntes Wissen Kreativität zerstört?

Bei mir ist dies sicher so. Ich glaube, es würde mir den Fluss nehmen kreativ zu sein. Es ist schon nicht einfach, wenn eine Kundin zu viele Vorstellungen hat, wie ihr Kleid aussehen sollte. Oder als ich das Hochzeitskleid für meine Schwester nähte, hatte ich immer wieder Blockaden, weil ich mir selber Druck machte. Einschränkungen und Vorgaben verderben die Intuition und das Einbringen meiner Kreativität als meine «Handschrift».

Wenn jemand deine Mode nicht kennt, wie würdest du sie beschreiben?

Für die Herren entwerfe ich nicht ganz so klassische Hemden. Vielleicht einmal mit speziellem Kragen oder auch gar keinem. Mir fällt immer wieder auf, wie eintönig und immer gleich die Hemden für Männer sind. Darum versuche ich oft einen neuen Schnitt zu entwerfen. Dazu kommen noch T-Shirts und Hosen. Für die Frauen ist meine Mode eher feminin, mit feinen Stoffen oder auch mal gerne mit Spitzen. Vieles davon sind Kleider oder Jupes welche alltagstauglich sind, gut kombiniert aber auch als edel/klassisch gehen. Alles ist verspielt und zeigt viel Liebe zum Detail.

Hast du Tipps für junge Kreative, welche ähnliche Träume haben wie du sie lebst?

Ein Grundsatz vorne weg: Am wichtigsten ist es, nicht zu glauben, man müsse perfekt sein. Am Anfang laufen Dinge schief oder eben nicht so, wie man es sich wünscht. Aber wenn man sich nicht zu viele Gedanken macht und seiner Passion einfach folgt, kann es nicht schiefgehen!

Und wie sehen deine Träume für die Zukunft aus?

Ich möchte später gerne wieder zurück aufs Land und von dort aus meiner Leidenschaft frönen. Mal sehen, was die Zukunft bringt, ich lasse mich gerne überraschen.