Kaltehand / Natasha Waters

Musiker / St.Gallen



www.kaltehandnatashawaters.ch/
Juni 2014

Endlich – nicht nur der lang erwartete Frühsommer blinzelt uns mit seinen warmen Abend-Sonnenstrahlen entgegen – mit dem heutigen Interview beginnt zugleich auch die Einstimmung auf den kommenden Festivalsommer! Denn unser Künstler-Duo präsentiert sich diesen Sommer von so einigen Festival-Bühnen. Am Rande der Stadt St. Gallen finden wir das Zuhause von Davide – er ist bekannt unter dem Künstlernamen Kaltehand. Geprobt wird oft in der Wohnstube, wo Davide sich ein kleines Studio eingerichtet hat. Auf uns warten die beiden mit frischen Erdbeeren – natürlich zur Sommereinstimmung– mit gluschtigen Antipasti und einem kühlen, feinen Glas Weisswein. Schliesslich soll es ein lockeres Interview sein, bevors dann musikalisch losgeht. Die Balkontür steht weit offen und die Geräusche aus der Nachbarschaft sind leise zu hören. Wir geniessen den wieder kühler gewordenen, angenehm durch die Wohnstube ziehenden Abendwind. Und dann ist es soweit; zur Einstimmung werden die ersten Musiktöne von Davide alias Kaltehand gespielt, bis dann die eigenartige, sphärische Stimme von Natasha Waters die Klänge zu einem Ganzen verschmelzen lässt: Hühnerhaut in den Ohren und auf den restlichen 1 Meter 65 …

Wie ist K/NW entstanden? Wie wir wissen, gibt es euch bereits seit acht Jahren. Könnt ihr uns verraten, was ihr in dieser Zeit alles unternommen habt?

Alles hat ganz unverbindlich angefangen. Wir hatten früher eine Band mit dem Namen 'Kaolin'. Damals waren wir zu fünft mit Freunden, welche alle noch in der Musik tätig sind (Michael Gallusser vom QFLM Studio, Bit Tuner, Antonio Malinconico und wir zwei). Wir konzentrierten uns auf triphoppige Elemente und wurden gegen Ende immer rockiger und progressiver. In dieser Konstellation waren wir fünf Jahre zusammen. Zum besten Zeitpunkt von 'Kaolin' haben wir entschlossen, unsere Band aufzulösen. Danach haben sich Natasha Waters und ich – nun bekannt unter meinem Künstlernamen 'Kaltehand' – einem völlig neuen Musikstil gewidmet. Sphärischere Elemente verwebten sich mit Geräuschkulissen. Nach ungefähr zwei Jahren stellte ich Natasha vor die Wahl, entweder das Ganze ernsthafter zu sehen oder sonst K/NW sein zu lassen. Sie entschied sich dafür. Also probten wir vermehrt und bereiteten uns auf eine erste Albumaufnahme vor. So entwickelte sich das erste Album PAGES, welches in Zusammenarbeit mit dem Grafikerduo 'Bureau Collective' entstand. In dieser Zeit lernten wir uns durch die intensivere Zusammenarbeit immer besser kennen. Nach der Herausgabe unseres ersten Albums hatten wir die Chance, am Paléo-Festival zu spielen. Für uns war dies ein grosses Highlight. Ein unglaubliches Festival – "eindeutig eines der besten Festival der Schweiz nebst dem Fornoise und der Bad Bonn Kilbi", so Natasha. Die Welschen schätzen Musiker an diesem Festival wirklich als Künstler und richten sich mit sehr viel Respekt und Entgegenkommen an die Musiker/innen. Während Ende 2012, Anfang 2013 entschieden wir uns, in Rom ein neues Album aufzunehmen. Für uns war diese Entwicklung in Rom sehr spannend – wir hatten für unsere Musik Zeit, was man der Musik auch entnehmen kann. Poppigere Elemente wurden mit sehr athmosphärischen Momenten vermischt. Dank Rom und dank dem aktuellen Album "Into The Light" kennen wir unsere Ecken und Kanten noch besser und schätzen auch, dass wir uns sehr gut ergänzen.

Ihr wart 2012 am CMJ in New York. Wie war diese Erfahrung?

Das war damals im Oktober. Das CMJ Festival ist das grösste internationale Festival. "Swiss Live Talents" haben uns weiterempfohlen und wir wurden dank des Videos zu "Hole" vom CMJ Team ausgewählt. Mit einigen Freunden und Bekannten besetzten wir zu fünfzehnt eine Loft in Williamsburgh. Alle unsere Musikutensilien mussten wir aus der Schweiz mitführen, was nicht ganz einfach war. Die zwei Wochen haben sich jedoch trotz anfänglichem Stress sehr gelohnt. Wir konnten sogar spontan ein weiteres Konzert in einem kleinen Lokal spielen. Während der ganzen Zeit herrschte eine ausgelassene Stimmung unter uns – oh ja, wir würden es sofort wieder machen!

Was bedeutet die Musik in eurem Leben?

Natasha: Es ist ein Loslösen, ein Eintauchen in mein Inneres und das Zuhören von meinem Ich. Momentan lebe ich leider nicht nur für die Musik! Andere gehen joggen, lesen oder gehen zum Psychologen, um den Alltag verarbeiten zu können. Ich habe dafür die Musik. Ich bevorzuge es, nicht alleine Musik zu machen, denn ich brauche den Input von meinen Musikerfreunden, um richtig in die Musik eintauchen zu können. Für mich hat Musik viel mit Kommunikation zu tun. Ich bin auch eindeutig nicht diejenige, die gerne an neuen Geräten herumhantiert. Was ich kann, ist vor allem singen. Davide aka Kaltehand ist mir in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Wir kennen unsere musikalischen Fähigkeiten bzw. wir ergänzen uns gut und benötigen einander, um in unsere Musik eintauchen zu können.

Davide: (studiert und schaut ins Leere). Das ist eine sehr gute Frage! Ich habe mich dies schon oft gefragt … ich weiss es nicht genau … (und studiert nochmals). Als Kind war ich eines Unfalls wegen im Spital und habe sehr oft Radio gehört, habe aber nur bestimmte Klänge wirklich wahrgenommen. Daher meine Musik mit den unterschiedlichsten Klängen. Musik machen ist etwas, das tief aus dem Innern kommt. Ich brauche die Musik – sie ist sehr wichtig für mich. Und, sie gibt mir auch sehr viel zurück.

Wie sieht euer Alltag aus?

Natasha: In meinem Alltag gebe ich 100% Schule an einer Oberstufe. Und manchmal arbeite ich an den Wochenenden als Aushilfe im KafiFranz in St.Gallen, was mir viel Freude bereitet. Geprägt wird das Wochenende vor allem von der Musik. Sie ist sehr zentral in meinem Leben. Ab dem Sommer werde ich mich hauptsächlich der Musik widmen und im KafiFranz arbeiten. Ich freue mich sehr auf diese Zeit!

Davide: Ich arbeite 90% als Kantonsangestellter beim RAV. Von der Musik alleine kann ich nicht leben. Was nicht ist, kann ja noch werden … (und lacht!)

Was wollt ihr genau mit der Musik aussagen?

Die Klänge geben der Musik einen Charakter. Du drückst dich selber aus mit der Musik. Es ist wunderbar, wenn sich die Menschen damit ausdrücken und in eine andere Welt abtauchen können. Es ist wunderbar, wenn es ein Anfang und ein Ende hat. Unser Stil ist nicht zwingend melancholisch, es ist ein Gefühl der Wahrnehmung. Die Melancholie ist aber sehr wichtig und verleiht der Musik Ausdruck. Wenn du mittendrin bist, musst du versuchen so zu fühlen um das Gefühlte ausdrücken zu können. Die Musik muss gelebt werden und darf kein Schauspiel sein. Während der Arbeit sind wir uns gegenüber sehr selbstkritisch.

Vorbilder? Welche Personen prägen euch musikalisch?

Natasha: Immer wieder waren unterschiedliche Persönlichkeiten für mich wichtig. Sonic Youth wurde mir über die Kaolin-Jungs näher gebracht. Später faszinierten mich vor allem gute Live-shows bzw. Menschen, die mich durch ihre Live-Präsenz berührten, wie z.B. Goldfrapp, Jonsi, Poliça, Other Lives, Sonic Youth, SUUNS oder Peaches. Am Open Air freue ich mich besonders auf London Grammar, Bonobo und Moderat.

Davide: Jesus! Menschen, die wenig Mittel zum Leben haben und doch so viel Zufriedenheit in sich tragen. Dies sind Vorbilder für mich. Musikalisch sind dies 'My Blody Valentine' – einfach genial!

Vor drei Jahren erschien euer 1. Album. Was hat sich gegenüber dem neuen, aktuellen Album geändert?

Musiktechnisch hat sich sehr viel verändert. Die Vorbereitungen fanden zuhause statt, danach war das Tonstudio unser Arbeitsplatz. Auf dem neuen Album haben wir viel enger mit Michael Gallusser in seinem Tonstudio QFLM gearbeitet. Auch Dominik Kesseli hatte mehr Einfluss bei dem Feinschliff der Lieder. Er besuchte Davide auch in Rom. Im Studio haben wir etliche Stunden verbracht … Der Aufwand für das neuen Album hat sich gelohnt – es wurde viel professioneller, da wir uns auch gezielt an unser Konzept hielten und intensiv damit gearbeitet haben. Das Schöne an der Entwicklung war, dass beide eine klare Vorstellung hatten, von dem was wir wollten und welche Lieder wir auf die CD gepresst haben möchten. Der ganze Prozess benötigte sehr viel Zeit – trotz unseres sehr unterschiedlichen Musikgeschmacks haben wir die richtige Wahl getroffen.

Was plant ihr für die Zukunft?

Es soll etwas mehr von allem sein. Auch möchten wir mehr unternehmen und umsetzen in kürzerer Zeit. In nächster Zeit erscheint auch eine neue Single von uns, was uns sehr freut. Mit den Konzerten möchten wir eine höhere Konstanz erreichen, damit wir stetig dranbleiben und in den Ohren der Musikkonsumenten präsent sind. Die Resonanz ist eigentlich sehr gut, wir werden unser Ding gemeinsam weiter umsetzen – Davide konzentriert sich etwas mehr auf seins und Natasha auf ihres.

Verratet ihr uns, wie man sich den Besuch eines eurer Konzerte vorstellen kann?

Unser Ziel ist es, den Zuhörer zu berühren. Entweder es gelingt uns und der Zuhörer bleibt stehen – oder er geht Bier trinken. Das ist für uns auch völlig ok ( … und lacht!). Mein Ziel als Frontfrau ist eigentlich schon, mit unserer Musik möglichst viele Besucher einzufangen. Manchmal gelingt es besser, manchmal weniger gut. Das ist oft auch von der Intensität der Soundkulisse bzw. vom Anlass abhängig, der Musikanlage und von der Stimmung grundsätzlich. Da sind mir nebst einigen Köpfen, welche im Publikum bei mir sind, auch das Licht und die Visuals wichtig. Am Open Air St.Gallen werden unsere Freunde Shef Povar die Visuals machen. Da werden wir bestimmt alle zusammen noch mehr eintauchen können!