Josef Felix Müller

Künstler und Verleger / St.Gallen



www.vexer.ch
August 2012

Versteckt im Westen der Stadt befindet sich das Atelier von Felix Müller in einer alten Mosterei. Grosse Fenster fluten den hohen Raum im Erdgeschoss. Mächtige Holzskulpturen, Staffeleien und Figuren aus Gips sind im Atelier verteilt und warten auf ihre Fertigstellung. Bekannt wurde Josef Felix Müller durch einen Skandal. 1981 beschlagnahmte die Polizei in einer Ausstellung in Fribourg drei Bilder von ihm mit dem Vorwurf, es handle sich um «unzüchtige Veröffentlichungen». Seine Werke sind sehr facettenreich und beschränken sich nicht nur auf die Malerei sondern auch Bildhauerei und Druckgrafik gehören dazu. Als Mitbegründer der Kunsthalle St.Gallen etablierte sich Felix Müller als erfolgreicher Verleger des Vexer Verlags. Dieser kleine Verlag ist bekannt für seine Publikationen in den Bereichen Kunst, Kultur und Philosophie. Im Verlagsprogramm finden sich unter anderem Publikationen über Roman Signer, Monika Dillier, Peter Liechti, Möslang-Guhl.

Was treibt dich kreativ, spirituell oder emotional an?  

Die Natur treibt immer wieder von neuem, so ist es auch bei mir. Zur intensiven Arbeit gehört auch die Reflektion. Beides zusammen bildet wieder frische Knospen und führt zu neuen Ideen. Eigentlich gebärt jede Arbeit eine neue. Mein spirituelles Bemühen liegt darin, mich trotz meiner Kleinheit als Teil des Universums zu verstehen und zu spüren. Emotionen helfen mir dabei, über mich selbst hinauszuwachsen.

Welches Geräusch oder welchen Ton hörst du gerne?

Das Singen der Vögel am Morgen ist für mich wie eine fortwährende Symphonie. Das Zirpen der Grillen am Abend öffnet die Landschaft bis zum Horizont. Naturtöne und Gesang tragen meine Seele an unbekannte Orte, aber das sanfte Glucksen einer guten Flasche Wein macht mich auch ganz froh.

Welchen anderen Beruf hättest du  gern ergriffen oder hast du dir deinen Berufswunsch erfüllt?

Ich habe Stickereientwerfer gelernt. Das ist ein Traumberuf. Durch das Zeichnen von Mustern habe ich begriffen, dass es nicht nur um das sich wiederholende Motiv geht. Auch die Zwischenräume müssen entworfen werden. Die Natur und ihre Muster, Strukturen und Zwischenräume sind mein zentrales Thema in der Kunst. So habe ich vielleicht durch meinen Traumberuf zu meiner Berufung gefunden.

Wie bist du darauf gekommen einen eigenen Verlag zu gründen? Ein lang gehegter Traum? 

Ich habe als Jugendlicher sehr viel gelesen. Bücher waren für mich Öffnungen und Wege in andere, mir unbekannte Welten. Jedes Buch schenkte mir neue Räume, Erlebnisse, Stimmungen, Erkenntnisse und Zeitbegriffe. Jedes Buch schärfte meine Vorstellungskraft und steigerte den Wunsch, meine eigenen Gedanken sichtbar zu machen. Ich habe nie begriffen, warum Künstler das Buch nicht stärker als künstlerisches Medium nutzen. Eigene Bücher und Zeitungen machte ich schon als Jugendlicher. Das Vervielfältigen von Ideen hat mich schon in der Schule gepackt. Mit dem Blaukopierer konnte man schnell die ganze Klasse mit Vorlageblättern versorgen. Zur Strafe schickte mich der Lehrer nach der Schule in den Kopierraum. Ich musste die Negativmatrizen in den Druckzylinder einspannen, die Kurbel drehen, den Duft des Spiritus geniessen und Drucken. Diese Strafen waren die schönsten Momente meiner Schulzeit. Als ich Ende der 70er Jahre die Künstlerbücher von Dieter Roth kennenlernte, war das für mich eine Offenbarung.

Zurzeit läuft eine Ausstellung in der Propstei in St. Peterzell. Diese ist deinem Verlag gewidmet und repräsentiert deine Tätigkeit als Verleger. Macht eine solche Ausstellung auch ein bisschen stolz auf das Erschaffene, oder welche Gefühle und Erinnerungen kommen in dir hoch?

Das Ausbreiten und Präsentieren all der Publikationen, die in den letzten 27 Jahren im Vexer Verlag erschienen sind, ist für mich wie das Lesen eines Tagebuchs. Es ist wie eine Zeitreise. Jede Publikation ist auch eine Erinnerung an einen speziellen Menschen, dessen Arbeit mich beschäftigt hat. Es ist für mich ein wunderbares Gefühl, dass ich Menschliches, Künstlerisches und viel Zeit in Form von etwas Bleibendem festzurren und verbreiten konnte. Es ist selbstverständlich, dass sich Freundschaften, Inhalte und ästhetische Vorlieben mit der Zeit verändern. Das Abschreiten eines bereits gegangenen Weges ist aber immer wieder etwas Neues und Überraschendes. Viele der Editionen sind für mich heute noch gleich aktuell wie zur Zeit ihrer Entstehung.

Was ist Deine erste Handlung, wenn du bei der „Arbeit“ bist?  

Meine Arbeit beginnt immer schon beim Aufwachen. Im Bett liegend überlege ich mir, auf welche Arbeit ich Lust habe und versuche mir das gewünschte Resultat vorzustellen. Wenn ich sicher bin, was ich will, stehe ich auf und mache mir eine grosse Tasse Kaffee. Zum Tagesanfang gehört auch das Lesen von zwei Zeitungen und eine Kurzbesprechung des Tages mit meiner Lebenspartnerin. Wenn sie zur Arbeit geht, starte ich den Computer, um alle Mails zu beantworten. Dann versuche ich mein Tagesziel umzusetzen.

Ist deine Arbeit Arbeit ?

Ich bin mit sehr unterschiedlichen Arbeiten beschäftigt. Dazu gehört die langfristige Planung von Projekten, Ausstellungen oder neuen Publikationen. Das Schreiben von Texten für Konzepte, Vorträge und über Kunst. Sitzungen mit Architekten, Handwerkern, Druckern oder Studenten… Manchmal ist es Knochenarbeit, oft ein grosses Vergnügen, aber die meisten Arbeiten bedingen einen total disziplinierten Einsatz meines Könnens und all meiner Sinne.

Du hast schon vielerorts deine Arbeiten als Künstler präsentiert. Welches war deine spannendste Ausstellung?

Jede Ausstellung ist ein grosses Abenteuer. Das erlebte ich bereits bei einer meiner ersten Ausstellungen 1981 in Fribourg, als der Staatsanwalt gleich alle Bilder beschlagnahmte. Am spannendsten ist es aber dann, wenn man andere Künstlerinnen und Künstler kennenlernt, die man schätzt. Eins meiner ganz grossen Abenteuer war die Beteiligung an der Biennale in Sidney 1984. Zuerst wollte das Bundesamt für Kultur nicht, dass ich die Schweiz vertrete, dann wollten sie nichts bezahlen und am Schluss wartete ich zwei Wochen lang in Australien auf meine Arbeiten, die irgendwo in den Philippinen gelandet waren.

Ist Geldverdienen ein Stimulus?

Ich bin sehr stolz darauf, dass ich seit rund dreissig Jahren von meiner künstlerischen Arbeit leben kann. Das ist ein Privileg. Für mich ist Geldverdienen kein Arbeitsantrieb. Ich empfinde es eher als grosse Verantwortung. Kapital gibt uns die Möglichkeit zu gestalten und etwas zu bewegen. Die Moral im Umgang mit Geld liegt nicht darin, wo es herkommt, sondern wo und wofür wir es ausgeben.

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

In zehn Jahren bin ich 66. Nach meinen Beobachtungen im Kulturbetrieb könnte ich dann in einer wunderbaren künstlerischen „Reife“ sein. Bis jetzt war jedes neue Jahr überraschend und spannend. Wenn es so weitergeht, muss es in zehn Jahren einfach super sein. Aber man weiss ja nie, eventuell bin ich 2022 schon im Dann und Wann oder im Immer und Nimmer.