Janine Grubenmann

Modedesignerin / St. Gallen



jgrubenmann.ch
Mai 2017

Direkt hinter unserer Agentur stehen weitere Häuser. Nichts daran ist aufregend: Es gibt den türkischen Quartiermarkt, ein Fitnessstudio, ein Restaurant, das immer leer steht und Wohnhäuser. Im Erdgeschoss eines dieser Häuser teilt Janine Grubenmann die Räume eines Gemeinschaftsstudios mit weiteren Kleinstunternehmen und betreibt darin den Showroom ihres Modelabels. Für Janine ist Mode eine ökologische Entscheidung und ein Bekenntnis zu sich selber – sobald man sich aus der Tiefpreisfalle der Billigketten befreit hat. Ateliervisite hat sich mit ihr getroffen, um mehr über den Kopf und die Hände hinter dem Junglabel «J.Grubenmann» auszutauschen.

Janine, trotz deiner Appenzeller Wurzeln – oder vielleicht genau deswegen? – ist deine Mode alles andere als appenzellisch.

(lacht) Ich bin gelernte Bauzeichnerin, arbeitete in Ingenieurbüros für Architektur und Messebau, später dann als Projektleiterin mit Betonelementen. Ich habe mich an einer Fachhochschule weitergebildet und bringe darum einen sehr technischen Background mit. Ich liebe das Lineare, Gradlinige. Insofern ist meine Erstausbildung viel dominanter als meine geographische Herkunft. Mich hat die Welt der Mode schon immer sehr fasziniert. Die Stoffe ganz besonders; nicht zuletzt, weil wir hier in St. Gallen ja Stoffproduzenten mit Weltruf haben. Und die technischen Textilien hier sowie meine Ausbildung ergeben dann zusammen diese puristischen Designs meiner Mode.

Wie hast du denn den Schritt in die Mode gemacht?

Ich habe eine Ausbildung als Fashion Assistant absolviert, um die Basics und die Branche kennenzulernen, sogar das Schneidereihandwerk. Aber ein grosser Teil ist autodidaktisch passiert: Ich habe getüftelt und ausprobiert – das tue ich natürlich heute noch immer.

Wie lange bist du denn Modedesignerin?

Offiziell mit eigenem Atelier bin ich seit Mai 2016 als Designerin tätig. Davor habe ich natürlich schon für Bekannte Aufträge angenommen. Zum Beispiel ein Brautkleid.

Wenn man an puristische Designs denkt, kommen einem aber nicht als erstes Brautkleider in den Sinn.

Nun, es gibt in der Brautmode ja viele verschiedene Richtungen. Was man am häufigsten sieht, sind tatsächlich die Ausstellungsmodelle von Hochzeitsmessen, das sind dann mehrheitlich Prinzessinnenkleidchen. Aber es gibt sehr wohl Bräute, die ein unaufgeregtes Design wollen. Gerade vergangenen September habe ich wieder einen solchen Auftrag beendet. Diese Kundin war zudem noch schwanger, diese Herausforderung hat gleich nochmals eine ganz eigene Qualität. Jedenfalls wollte sie ein schlichtes Kleid, und das ist mir auch gut gelungen. Sie hat ihren Bauch wundervoll inszeniert und war sehr happy.

Seit Mai 2016 ist also das Label J.Grubenmann offiziell. Wie hast du dich daran herangetastet?

Angefangen hat es wohl damit, dass ich einfach zu gross für die Mode ab Stange bin: Die Ärmel sind immer zu kurz. Irgendwann dachte ich, das kann doch gar nicht sein! Also musste ich mich nach Auswegen umsehen. Und was mir als Grossgewachsene zu kurz war, war vielen meiner eher kleineren Freundinnen vielleicht zu lang oder weit. Ich war umgeben von Leuten, denen Massenkleider nicht gut genug stehen, um sich darin richtig wohl zu fühlen. Eigentlich passt kaum jemand wirklich gut da hinein, wenn man darüber nachdenkt. Es ist doch brutal, dass es für 8 Milliarden Menschen 5 Einheitsgrössen gibt. Wie gesagt habe ich schon viel für Freunde und Bekannte erarbeiten dürfen. Das waren mehrheitlich Jacken und Kleider, vor allem Etuikleider. Dabei habe ich festgestellt, dass vielen Leuten der Modemut fehlt. Experimentelle Schnitte, verrückte Muster und solche Dinge werden gemieden, obwohl sie an vielen Leuten fabelhaft aussehen. Ausserdem habe ich oft Änderungen für ein Brautmodehaus in Appenzell vorgenommen. Das hat sich dann herumgesprochen. Dann bin ich auch selber auf Leute in meinem Umfeld zugegangen. Die Reaktionen waren durchs Band gut, aber man war irgendwie überfordert. Es ist einfach nicht mehr üblich, sich seine Kleider massschneidern zu lassen. Unsere Grossmütter kennen das noch von früher, aber klassische Schneiderein sind hier bis auf die Manufaktur und wenige andere verschwunden.

Massgeschneiderte Mode ist ja auch teure Mode und quasi ein Investment fürs Leben.

(lacht) Massgeschneiderte Mode ist teuer, daran gibt es wirklich nichts zu rütteln. Ich habe Kleider hier im Showroom, da stecken über 20 Stunden Arbeit drin – das Material noch gar nicht mitgerechnet. Andere Leute kaufen einen Gebrauchtwagen für denselben Betrag. Und ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man nicht so viel Geld für ein Kleidungsstück ausgeben will. Vom Preis her richtete sich diese Mode dann fast schon automatisch an die obersten 20 000 – das ist aber nicht mein primäres Ziel.

Warum nicht?

Ich beobachte in dieser Kundenklasse noch einen anderen Stil als meinen. Besonders hier, in der Region St. Gallen.

Du machst momentan also sozusagen Mode für die Region?

Jein. Ich will so modisch sein, wie es für diese Region geht. Beispielsweise war ich am letzten Cash For Trash und habe dort fertige Stücke verkauft, dieses Jahr werde ich auch wieder dort sein. Am Cash For Trash spiele ich mit Kleidern ab Stange und versuche festzustellen, ob es für fertig produzierte Stücke in meinem Stil eine Kundschaft gibt.

Das heisst: keine Massanfertigungen auf Anfrage, allenfalls noch Abänderungen fixfertiger Designs.

Genau. Dabei würde ich das Design und die Textilwahl machen, dann die Kleider in Europa produzieren lassen und sie nachher über meinen Webshop vertreiben. Dadurch würden die einzelnen Stücke sehr viel erschwinglicher.

Bist du auf einer Mission, St. Gallen gut einzukleiden?

Darf man so etwas zugeben? (lacht) Aber im Ernst: Ich sehe in qualitativ hochwertiger Kleidung nicht zuletzt den Nachhaltigkeitsaspekt. Das heisst, dass man Kleider für lange Zeit tragen kann und will. Dafür ist es enorm wichtig, dass die Passform stimmt. Und das ist mein ultimativer Antrieb: Wenn Menschen zu mir kommen und sich beschweren, dass sie nicht den optimalen Körper für schöne Kleidung hätten. Das ist doch eigentlich etwas Furchtbares, sich a priori schöne Kleidung vorzuenthalten, weil man nicht in die Norm passt! So viele meiner Kundinnen sind überrascht, wie gut sie aussehen, sobald die Kleidung ihnen auf den Leib geschnitten ist. Zur Nachhaltigkeit gehört natürlich auch, dass ich mit Materialien aus der Region arbeite. Gelegentlich greife ich auf Stoffe aus Italien oder Spanien zurück, wenn Textilien von Schläpfer das Budget sprengen würden.

Also ist Nachhaltigkeit für dich ebenso wichtig.

Ja. Besonders Nachhaltigkeit im Sinne von Regionalität. Schläpfer, zum Beispiel, veredelt seine Stoffe hier, es ist ein regionales Produkt. Weiter produziere ich meine Mode hier in St. Gallen und ich verkaufe meine Stücke bis jetzt auch hier in der Umgebung. Mein Ziel ist es, zertifizierte, natürliche Textilien zu verwenden, also Seide, Wolle, Baumwolle. Weiter folge ich nicht dem Trend der Fast Fashion mit 10 Kollektionen im Jahr, sondern halte auch aus idealistischen Gründen daran fest, nur 1 Kollektion pro Jahr herzustellen. Der aufgegebene Umweltgedanke hinter günstiger Kleidung ist etwas, dem ich nicht folgen möchte. Meine Kunden sollen nicht Chemikalien auf der Haut tragen oder in Kinderarbeit hergestellte Stücke. Also möchte ich mit meiner Mode auch für solch schlimme Bedingungen sensibilisieren. Ich finde, man sollte sich lieber weniger häufig etwas kaufen, sich dann aber dafür etwas nachhaltig Produziertes leisten. Bei mir sind die Stoffe noch nicht auf dem Bio-Level, aber schon Längen ökologischer und gerechter als die Kleider in den üblichen Kleiderketten.

Du versuchst, das Erlebnis guter Mode zugänglich zu machen.

Genau! Natürlich hat gute Mode ihren Preis, aber ich bin sozusagen ein guter Einstieg in diese Erlebniswelt unbelasteter Mode.

Und wie kommst du an mit dieser Vision?

Obwohl ich viele gute Gespräche über solche Themen führe, merke ich auch, wie vielen Leuten noch immer auch der Mut fehlt, sich zu exponieren, sich diesen Verhältnissen zu öffnen, sich zu informieren, ihre Gewohnheiten umzustellen. Wer sucht schon nach nachhaltiger Kleidung? Das sind wenige. Und das ist beileibe nicht nur ein St. Galler Phänomen. H&M und viele mehr stehen praktischerweise direkt in allen Einkaufsstrassen, nachhaltige Mode muss man jedoch mühsam online recherchieren. Darum bin ich ein grosser Fan von entsprechenden Messen, wie beispielsweise Designgut in Winterthur. Denn dort stellen nur Labels aus, die nachhaltige Mode, Möbel und Schmuckstücke produzieren.

Und du ganz im Speziellen bist ja mit zwei grossen Herausforderungen konfrontiert: Nicht nur musst du die Schweizer von nachhaltiger Mode überzeugen, sondern sie müssen auch den Geschmack für deine Designs entwickeln respektive ihren Modemut finden.

Um Modemut zu entwickeln, muss man sich die Mode zuerst aneignen. Das ist besonders schwer für Personen, die nicht in der Nähe des perfekt durchschnittlichen Körpers sind. Sie denken, sie sehen schlecht aus, egal, was sie tragen. Dabei ist meine Aufgabe eben genau, jenes Design zu finden, das ihre Schönheit hervorhebt und sie trotz der von ihnen wahrgenommenen Mängel gut aussehen lässt. Man muss kein Supermodel sein, um super auszusehen!

Wie würdest du denn deine eigene Ästhetik beschreiben?

(überlegt lange) Sehr puristisch. Puristisch und reduziert und aufs Einfache gehalten. Meine Mode soll die Person in den Vordergrund stellen, nicht die Kleider. Meine Kleider sollen niemanden verstellen, aber immer inszenieren. Mode drückt ja auch immer einen Zeitgeist aus, reflektiert globale Bewegungen und regionale Reaktionen darauf. Und ein Aspekt davon ist Authentizität, sich selbst sein zu können. Das will ich mit meinen Designs rüberbringen. Schliesslich gliedere ich mich mit meinen Stücken auch in eine allgemeine Schweizer Ästhetik ein, die generell sehr schlicht gehalten ist. Wir legen zum Beispiel grössten Wert auf die Haptik der Textilien und bewerten ein Kleid danach, wie es sich anfühlt, und weniger danach, was es herausschreit.

Wie es aussieht, sind männliche Kunden bei dir eine Seltenheit.

Ich habe auch schon Männerkleidung gemacht. Das war lustig. (lacht) Ich habe damals einen Blazer mit Kapuze gemacht. Am Schluss sah es sehr gut aus, aber es blieb bisher bei diesem einmaligen Erlebnis. Ich schliesse aber überhaupt nicht aus, weitere Männermode zu machen.

Wie kommt es denn, dass du Frauenmode machst?

Ist das nicht naheliegend? (lacht)

Findest du nicht, Männer sehen generell viel uniformer aus als Frauen und könnten darum eine modische Horizonterweiterung brauchen?

Doch, das sehe ich tatsächlich auch so. Aber um auf deine erste Frage zurückzukommen: Frauen kaufen einfach mit mehr Freude Kleider. Handkehrum: Männer kaufen weniger Kleider, dafür teurere. Ich notiere mir das als spannendes Projekt für die Zukunft. (lacht)

Nach dieser Logik müsstest du für Frauen Kleider ab Stange anbieten, weil sie mehr kaufen; und für Männer Massgeschneidertes, weil sie seltener einkaufen, aber weniger preissensibel sind. Du hingegen willst gerade nicht in hoher Stückzahl produzieren und dennoch die Frauen vor den Männern ansprechen.

Das ist auch so. Jede Kundin ist für mich ein Case, und ich möchte mehr Cases, nicht mehr Stücke pro Case. Der Frauenkörper ist zudem besonders ungeeignet für Standardmasse, ganz besonders bei Kleidern. Ich habe mich nun mal in Kleider verliebt, und diese Liebe bringt mit sich, dass Mode für Frauen mache.

Erzähl noch mehr von dieser Liebe zum Kleid.

Ein Kleid ist etwas sehr Feminines, ein Kleid kauft man nicht einfach so, es ist immer mit einem speziellen Anlass verbunden, und mit dem Kleid drückt die Trägerin ihre ganz eigene Weiblichkeit aus. Ich fühle mich inspiriert von dieser toughen, selbstbewussten Femininität, die zum Ausdruck kommt, wenn eine Frau ein Kleid trägt – nicht zum niedlich wirken, sondern um über den Kontrast von Kleid und Selbstsicherheit ihre Individualität und Zielstrebigkeit zu unterstreichen. Diese Anziehungskraft spüren sowohl ich als auch meine Kundinnen.

Aber es sind sicher nicht alle gleich aufgeschlossen, um nicht zu sagen: experimentierfreudig?

Natürlich nicht, das ist auch gar nicht nötig. Ich habe mehr als ein Stoffmuster hier, das schon Mut braucht. Aber ich erinnere mich mit Wehmut an diese eine Kundin, mit der ich am Design eines Etuikleids arbeitete. Wir wollten dazu sehr geometrische Spitze verwenden und einen Stoff mit einem nicht alltäglichen Grün. Zum Schluss entschied sich die Kundin für Königsblau, „weil sie das schon immer“ trug – sehr schade, denn ich war begeistert von ihr im Grün!

Wie ist es denn mit Stammkunden?

Dafür ist mein Label definitiv zu jung. Und weil ich ja Kleider mache, die man lange tragen soll, sind die meisten meiner Kundinnen immer noch befriedigt. Womit ich allerdings zu experimentieren beginne, sind Seidenschals, die ich bald im Webshop anbieten will. Dafür arbeite ich mit einem Künstler zusammen, der den Print gestaltet. Ich hoffe natürlich, dass diese Designs gut ankommen.

Und deine berufliche Vergangenheit aus Bauzeichnerin ist darob komplett vergessen?

Nein, gar nicht! Spannenderweise habe ich jüngst eine Anfrage erhalten und werde in diesem Jahr im Zeughaus Teufen an einer Ausstellung mitmachen. Ich darf noch nicht zu viel verraten, aber ich werde mich mit Textilien aus meinem alten Beruf beschäftigen, konkreter mit Geotextilien. Ich freue mich sehr darauf, meine beiden Seelen zusammenführen zu können!

Springen wir von der Vergangenheit in die Zukunft: Welches Vermächtnis möchtest du St. Gallen hinterlassen?

Wow, ein Vermächtnis! Das ist wirklich ein grosser Sprung! (lacht) Einmal mehr betone ich die Nachhaltigkeit und appelliere an die Leute, ihr Tun und Handeln zu hinterfragen. Hat die nächste Generation auch noch etwas? Was ist das Wesentliche – im Leben wie in der Mode? Muss alles immer dekoriert und verkleidet sein? Was ist das Schöne am Elementaren? Ich möchte definitiv lieber ein Gedankengut als ein Produkt hinterlassen.