Dominik Rüegg

Illustrator / St. Gallen



www.instagram.com/drue_egg/
August 2017

Es ist Ende Mai, an einem lauen Mittwochmorgen. Wir machen uns auf in Richtung Westen der Stadt St. Gallen. Die Sonne wärmt unser Gemüt, die Vögel zwitschern ein Konzert von den Bäumen. Mit frisch aufgebackten Gipfeli von der Tankstelle im Gepäck schreiten wir auf ein schönes Haus in einer ruhigen, steilen Quartierstrasse zu. Durch das ebenerdige Fenster bekommen wir den Hausschlüssel gereicht. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Das Fenster ist der Ein- und Ausgang, erreichbar über einen Tisch, der unter dem Fenster steht. Wir trauen der Sache nicht so richtig, deshalb gehen wir zum offiziellen Hauseingang. Von dort führt eine Treppe in den Keller runter. In einen Raum mit Tischen, ein Sofa, Computer, Bücherregal, Hochregal und zwei Herdplatten. Diverse Bilder, Illustrationen und Zettel schmücken die Wände, sie verleihen dem Raum den typischen Ateliercharakter. Wir werden von Dominik herzlich empfangen und fühlen uns im leicht rauchigen Keller sehr wohl. Der Kaffee, der im alten Geschirr der Grossmutter serviert wird, schmeckt hervorragend.

Wenn dich jemand nach deinem Beruf fragt, was sagst du da?

Am Anfang habe ich mich als Gestalter bezeichnet. Obwohl ich viel in den Bereichen Grafik und Illustration gemacht habe, war diese Bezeichnung nicht ganz korrekt. Ich habe ja keine Ausbildung zum Grafiker absolviert. Heute sage ich meistens, dass ich Animator, Illustrator oder im Kunstbereich tätig bin. Meine Arbeit besteht aber auch aus StreetArt und Graffiti. Doch auch das trifft es nicht genau. StreetArt ist nur auf der Strasse zu finden und Graffiti ist für mich immer noch das klassische, verbotene Bemalen von Zügen, Wänden und Unterführungen. Wenn ich eine Wand bemale, dann ist es ein Wandbild. Oft sage ich auch einfach, dass ich sehr gerne zeichne. Ja, das bringt es wohl am besten auf den Punkt: Ich bin Zeichner.

Was hast du denn mal gelernt?

Gärtner. Und die Lehre habe ich in der Stadtgärtnerei in St. Gallen absolviert. Also jene Gärtnerei, die an den Botanischen Garten angeschlossen ist, was ich auch das Beste an der Lehre fand. Anschliessend habe ich den gestalterischen Vorkurs gemacht und die Berufsmittelschule nachgeholt. Da bin ich nämlich während der Lehre rausgeflogen. Danach habe ich mich an Kunsthochschulen beworben, unter anderem an der Kunst & Design Luzern für den Studiengang Illustration. Dort wollte ich unbedingt hin, leider haben sie mich nicht genommen. Also bin ich an der Kunst und Vermittlung in Zürich gelandet. Doch nach zwei Wochen habe ich mich bereits wieder ausgeschrieben; ich konnte zum Glück nahtlos nach Luzern wechseln. Dort habe ich dann den Studiengang Animation 2D, also den klassischen Zeichentrickfilm absolviert. Das war vor vier Jahren. Seither bin ich wieder in St. Gallen – und immer noch am Suchen (lacht). Ich glaube, das ist eine never ending Story... Und das ist auch gut so.

Wann hast du deine Leidenschaft fürs Zeichnen entdeckt?

In der Schule. Nein, ich glaube, es hat schon früher angefangen, aber in der Schule hatte ich einfach viel Zeit zum Üben. Vor allem im Fach Französisch (lacht). Und für 50 Rappen hatte ich den Klassenkameraden die Mäppchen beschriftet. So mit schönem Namenszug und so. Eine damalige Schulkollegin, die ich letzthin traf, hat mir davon erzählt – und sie hat tatsächlich noch so ein Mäppli! In der Pubertät kam dann der Gedanke, dass der Gärtner-Beruf aus verschiedenen Gründen praktisch wäre. Unter anderem wollte ich unbedingt mein eigenes Geld verdienen und mich so schnell wie möglich von meinen Eltern lösen. Später stellte sich dann heraus, dass das mit einem Lehrlingslohn nicht so einfach ist. Gehört wohl zum Lernen dazu... Aber wie gesagt, das Zeichnen gehörte schon immer zu mir. Wenn ich ein, zwei Tage nicht zeichnen kann, geht es mir nicht gut.

Kannst du von der Kunst leben?

Es ist schwierig, den Leuten beizubringen, dass meine Arbeit etwas kostet. Auch bei Leuten, die ich gut kenne. So war es anfangs eine regelrechte Gratwanderung zwischen Hobby und Job, der Übergang war vielfach fliessend. Aber mir war natürlich klar, auch wenn man seine Leidenschaft zum Beruf macht, muss man Geld verdienen. Doch wie gesagt, am Anfang fehlte mir das Selbstvertrauen, mich zu verkaufen. Dazu kommt, dass manche Künstler mit den Preisen völlig unten reinhauen und so verliert das Ganze an Wert. Dabei hat auch diese Arbeit absolut ihren Wert. Also musste ich erst lernen, mich zu positionieren und mich durchzusetzen. Mittlerweile kann ich das aber meistens ganz gut.

Mit was für Materialien arbeitest du bei den Landschaftsillustrationen?

Mit meinen Molotow Markern und Fineliners (lacht). Ich arbeite eigentlich immer mit diesen, auch an Wänden. Die Spraydosen liegen mir nicht so wirklich. Die Hintergründe der Bilder werden teilweise auch aufgepinselt oder gerollert und anschliessend mit Markern bemalt.

Du tätowierst ja auch. Wie kam es dazu?

Ich tätowiere seit etwa zwei Jahren. Gelernt habe ich das nicht, wie die meisten Sachen, die ich mache. Einer meiner besten Kollegen ist Tätowierer. Er hat fast alle meine Tattoos gestochen. Im Gegenzug durfte ich mein erstes Tattoo bei ihm stechen; ich fand das nur mehr als gerecht, schliesslich hat er mich schon oft gequält (lacht). Später hat mir dann ein anderer Kollege seinen Oberschenkel «zur Verfügung gestellt». Er war etwa ein Jahr lang mein «Übungsobjekt», bis ich immer sicherer wurde. Trotzdem poste ich keines der Tattoos in den sozialen Medien. Die, die es wissen, kommen direkt zu mir.

Dann ist das sozusagen dein Nebenverdienst?

Ich hatte schon viele Nebenjobs, vom Service bis zum Brötli verkaufen. Aber nie mehr als 40 Prozent. Sie geben mir einfach die nötige Sicherheit, um meine Fixkosten wie Miete oder Versicherungen bezahlen zu können. Zudem geben sie mir die Freiheit, als Illustrator nicht jeden Auftrag annehmen zu müssen und mich auf meine eigenen Arbeiten konzentrieren zu können. Dazu kommt, dass ich mit der 100-prozentigen Selbständigkeit gar nicht umgehen kann. Ich glaube, ich bin allen auf die Nerven gegangen (lacht). Aktuell arbeite ich im Kulturbüro St. Gallen und etwa fünf Prozent im Jugendsekretariat St. Gallen. Diese Jobs sind ein richtiger Glücksfall.

Kannst du deine Arbeit als Illustrator im Kulturbüro einbringen?

Vor einiger Zeit durfte ich ein Schaufenster bemalen, dies war mein erster Kontakt mit dem Kulturbüro. Als danach eine Stelle frei wurde, habe ich mich sofort beworben. Ich bin glücklich, ein Teil dieses Teams zu sein. Wertvoll für mich ist, dass ich durchs Kulturbüro mein Netzwerk ausbauen kann. Mittlerweile bin ich auch bei Instagram und Facebook. Bin zwar kein Fan davon, aber es läuft extrem viel über diese Kanäle. Es gehört einfach dazu, wie auch das Netzwerk und Vitamin B, und das musste ich erst lernen.

Wie bist du auf den Landschaftsstil gekommen?

Das war auf einem Roadtrip nach Italien mit Kollegen. Wir haben uns verfahren und sind auf dem kurvenreichen Splügen gelandet. Bei der Fahrt hinab drehte ich fast durch, da ich kein Auto fahre und nur die Gotthardstrecke kenne. Und so war der Splügen die ausschlaggebende Triebfeder: Die Zeit des Charakter-Stils war vorbei, ich malte fortan nur noch Landschaftszeichnungen. Sie sind modular aufgebaut, so kann ich die Bilder frei erstellen und brauche keine Skizze. Als ich mich sicher genug in diesem Stil fühlte, stellte ich im Projektraum 4 ½ aus. Es war meine erste Ausstellung und ein riesiger Erfolg. Viele Leute kamen vorbei und ich konnte sogar etwas verkaufen. Was jedoch noch viel besser war: Die Besucher wussten nun, was ich mache. Und das hat die Auftragslage angekurbelt. Jetzt versuche ich, mehr in dieser Richtung zu tun. Kürzlich war ich an der propART in Thun.

Machst du auf Anfrage auch andere Illustrationen?

Ja, klar. Zurzeit mache ich sehr viele Kreidewände für Bars, Festivals und Veranstaltungen. So entstehen immer wieder Illustrationen, die nicht in «meinem Stil» sind. Genau das ist auch die Herausforderung. Doch die meisten Anfragen im Bereich Illustration beziehen sich im Moment auf Landschaften, wie zum Beispiel gerade ein Wimmelbild zu einer Studie, die bald rauskommen soll.

Was war bis jetzt deine grösste Herausforderung?

Hm, schwer zu sagen. Ich glaube, meine erste Tätowierung, die ich gezeichnet habe. Denn so lange sass ich wohl noch nie an etwas. Ich hatte immer im Kopf: Das ist mein Kollege und dieses Bild bleibt ihm für immer. Ansonsten: Ich stehe immer wieder vor Herausforderungen. Zum Beispiel beim Live Painting, wenn dir Leute während der Arbeit über die Schultern schauen.

Was war bis jetzt dein persönlicher Höhepunkt?

Einer war auf jeden Fall das Bild mit der Ideenmaschine im Technorama. Es zeigt den Weg meiner Gedanken zur fertigen Idee. Auch die Abschlussarbeit meines Studiums, mit der ich sogar den Förderpreis der zeugindesign-Stiftung für «besonders herausragende Abschlussarbeiten» gewonnen habe. Ein weiteres Highlight war die Teilnahme an der propART und damit verbunden der zweite Platz. Oder meine dreitägige Ausstellung, die Kollektion für Doodah, bei der ich ein Skateboard gestalten durfte. Zurzeit geniesse ich sehr viele Highlights, was einfach super ist. Und ich hoffe, dass noch viele weitere kommen.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Ich hoffe, ich kann mich so positionieren, dass ich eine Familie ernähren kann. Aber in zehn Jahren ist es vermutlich zu spät dafür. Oder vielmehr könnte bis dann die Familie bereits gegründet sein. Also hoffe ich, ich werde auch in zehn Jahren noch zeichnen und meine Stile weiterentwickeln. Und dass ich davon leben kann. Ein grosser Traum wäre, mit dem Zeichnen auf Reisen zu gehen oder grössere Wandbilder im öffentlichen Raum zu kreieren. Ja, da gibt es noch so einiges, was ich gerne machen würde. Man wird sehen.