Die Fabrik

Künstler / Ebnat-Kappel



www.die-fabrik.ch
Mai 2014

Eine Reise ins Toggenburg nach Ebnat-Kappel ist nicht alltäglich, zumindest nicht für uns. Genau darum genossen wir die Reise an diesem sonnigen Nachmittag durch das Appenzellerland und über die Wasserfluh umso mehr.  
Angekommen bei der Fabrik fanden wir entlang einer Rampe bis zum Haupteingang keine gewöhnliche Klingel, sondern ein Telefon. Dies rief bei uns schon ein erstes Schmunzeln hervor. Das sehr gepflegte Fabrikgebäude mit Umschwung lud ein, mehr über dessen spannende und kreative Bewohner zu erfahren. Nachdem wir das Telefon läuten gelassen hatten, wurden wir von Helena Büchel herzlich empfangen. Sie bat herein und führte uns durch verwinkelte Räume und Treppen bis in einen wunderbar lichtdurchfluteten Fabrikraum – gleich einem botanischen Garten: unglaublich schön und sehr sympathisch.
Die «Jungs» würden uns bereits sehnlichst erwarten, verriet Heinz Büchel. Vielleicht machte sie auch das Ungewisse über das bevorstehende Interview etwas nervös – ihre Freude war jedenfalls so gross, dass wir sie nicht noch länger in ihrem Atelier warten lassen wollten.

Wie begann eure Geschichte?

Alles begann 1981 im «Chupfer-Hammer» in Lütisburg mit der Grossfamilie. Nach wenigen Jahren zogen wir nach Ebnat-Kappel in ein Bauernhaus mit grossem Garten. Aus der Grossfamilie entstand «Die-Regierung», eine professionelle Musikband. Wir tourten mit bekannten Künstlern durch die ganze Schweiz, Deutschland, Österreich – bis nach Paris. Irgendwann aber wollten wir etwas an unserem Konzept ändern. Eine Wende war nötig. Für uns spielte der Raum eine wichtige Rolle. Es war uns wichtig, mehr Platz für uns alle zu bekommen. Platz, der es uns erlaubte zu wohnen und unser Leben und uns selbst kreativ zu entwickeln. Schliesslich konnten wir das Fabrikgebäude in Ebnat-Kappel mieten und in mehreren Umbauphasen – bei denen wir selber Hand anlegten – unseren Bedürfnissen anpassen. Vor acht Jahren entschlossen wir uns dann, das Gebäude zu kaufen. Wir begannen, neue Konzepte im Gastronomie- und Musikbereich zu entwickeln. So können wir weitere kreative Events anbieten, bei denen unsere Gäste integrieret sind. Nach aussen treten wir als «Die-Fabrik» auf und haben uns so über die Jahre bereits einen Namen geschaffen.

Wie kann man sich den Alltag bei euch vorstellen?

Aktivität und Fitness sind uns allen wichtig. Deshalb starten wir am Morgen mit einem stündigen Fitnessprogramm draussen in der Natur. Zwei Teilzeitmitarbeiterinnen unterstützen uns dabei und der soziale Austausch untereinander ist sehr wichtig. Nach der Fitness machen sich die «Jungs» frisch, erledigen Innendienstarbeiten wie Wäsche zusammenlegen, Holz spalten, wischen … – jeder von uns hat seine täglichen Arbeiten, die sehr genau ausgeführt werden und im Tagesablauf wichtig sind. Zu Mittag essen wir immer alle gemeinsam am Tisch. Die Siesta ist ein fix eingeplantes Ritual, bevor sich die «Jungs» im Atelier kreativ ihren Bildern widmen. Der Nachmittag wird oft im Atelier verbracht. Auch haben wir viel Besuch bei uns oder es steht etwas Spezielles auf dem Programm, z.B. ein Ausflug. Langweilig wird es uns jedenfalls nie – irgendetwas läuft immer.

Gibt es schwierige Zeiten?

Unsere «Jungs» sind fünf sehr verschiedene und charakterstarke Persönlichkeiten. Jeder hat seine Macke und gibt nicht gerne nach. Auch bei uns gibt es die «Auf» und «Abs», wie überall, wie in jeder Familie.

Welches ist die Botschaft, die ihr lebt und der Gesellschaft vermitteln möchtet?

Der Stärkere hilft dem Schwächeren! Menschen, die in ihrem Leben mit einer körperlichen Schwäche leben, sollen leben können und dürfen, wie sie sind. Diese Menschen sollen nicht in eine vorgegebene, starre Struktur gezwängt werden. Sie sollen Anteil haben an einem normalen Leben, indem wir sie in einen natürlichen Alltagsablauf einbinden.

Kann die Gesellschaft von euch etwas lernen?

Ziel ist es, in der heutigen Zeit ein Modell aufzuzeigen, in welchem das Leben mit körperlich beeinträchtigten Menschen funktioniert. Es ist möglich, diese Menschen in einen Alltag zu integrieren, der auch ihnen gerecht wird, in welchem auch sie gefordert und gefördert werden. Auch sie suchen Herausforderungen in den unterschiedlichsten Aufgaben und möchten diese selbständig meistern. Wir unterstützen sie dabei, verfolgen nach Möglichkeit jede Idee und ziehen diese durch. Grundsätzlich ist alles möglich und nichts und niemand soll hinten anstehen müssen. Dies funktioniert nur, weil wir zusammen ein starkes Team sind, was wiederum auf unsere Botschaft zurückzuführen ist: Man kann andere Wege gehen, es ist möglich. Das darf die Gesellschaft gerne von uns lernen.

War zuerst das Musizieren oder das Malen?

Zuerst war die Musik, dann das Malen. Anfänglich diente das Malen eher der Entspannung nach dem langem Unterwegssein zu unseren musikalischen Auftritten. Heute ist es ein Bestandteil unseres Alltags.

Gibt es für jeden von euch genügend Zeit, um auch alleine zu sein? Sind Ferien möglich?

Einmal im Monat sind alle das ganze Wochenende ausser Haus, bei ihren Familien, Bekannten. Dann geniesst jeder sein Wochenende einzeln – auch wir Betreuer. Im Sommer sind dann alle zwei Wochen in den Sommerferien.

Was war der Grundgedanke, in dieser Form zusammenzuarbeiten und mit den «Jungs» zusammenzuleben? Musstet ihr etwas aufgeben?

Wir kennen nichts anderes und mussten somit auch nichts aufgeben. Für uns passt es so, wie es ist. Das ganze Projekt ist mit der Zeit gewachsen und zu unserem Alltag geworden. Es ist unser Lebensprojekt. Unsere Gedanken stoppen nicht, sondern wir suchen immer wieder nach neuen Ideen und lassen uns inspirieren. Es läuft immer etwas, Neues entwickelt sich und Entscheidungsfragen lösen sich oft von alleine.

Franco

Franco hat ein unglaubliches Perspektiv-Auge, ein riesiges Vorstellungsvermögen. Er schafft es, den Betrachter seiner Bilder erst einmal zu irritieren. Er lässt in seinen Bildern verschiedenste Perspektiven ineinander fliessen und erzeugt so eine architektonische, detailgetreue Harmonie. Arbeiten im Haushalt erledigt er sehr exakt. Sei es beim Rüebli schälen oder wenn er sie zu einer Julienne schneidet. Die verschiedenen Jahreszeiten und das Wetter interessieren ihn sehr.

Roland:

Roland ist nicht nur jener Künstler, bei dem es auf jedem Bild Personen zu entdecken gibt. Er ist auch der Texter unter den «Jungs». Gerne steht er vor die Menschen und begrüsst sie mit einer selbst geschriebenen Rede. Er macht sehr gerne Musik mit seiner Mundharmonika oder auf dem Keyboard. Ebenfalls ist er ein guter Zuhörer. Vielleicht deshalb, weil er sich auch gerne Hörspiele anhört. Müsste er sich für eine Lieblingstätigkeit entscheiden, würde er klar Bilder malen.

Martin:

Wenn es einen Charmeur in der Truppe gibt, dann nennt er sich Martin. Er ist ein quirlig charmanter Herr und der «König der Alpaufzüge». Seine Bilder benötigen keine Unterschrift, denn wenn ein Bild einen kunterbunten Alpaufzug zeigt, dann stammt dieser aus Martins Pinselstrichen. Wenn es um Musik geht, blüht Martin richtig auf. Er spielt Trompete, Schwizerörgeli, Handorgel und singt. In Sachen Haushalt ist er der Mann, der die Wäsche von allen Bewohnern ordentlich, mit grösster Geduld und Sorgfalt zusammenfaltet.

Hanspeter:

Hanspeter ist der «Van Gogh» unter den fünf Künstler-Jungs. Seine Bilder bestehen aus unzähligen Pinselpunkten in den unterschiedlichsten Farbnuancen. Mal sind es grössere, mal sind es kleinere bis kleinste Punkte. Es gibt Bilder von Hanspeter, die das Auge wegen ihres 3D-Effekts im ersten Moment irritieren. Nebst seiner sehr geduldigen Art zu malen ist er auch mit feinsten Holzspänen kreativ. Er spaltet diese, taucht sie in Farbe und setzt sie in vorgegebene, geometrische Formen. Diese Skulpturen sind ein absoluter Hingucker in den grosszügigen Räumlichkeiten der Fabrik. In der Band ist er der Mann am Schlagzeug.

Massimo:

Massimo ist Liebhaber von schwarzer Tusche. Beim Malen ist sie eine seiner wichtigsten Utensilien. Mit Tusche zu arbeiten verlangt höchste Vorsicht und Genauigkeit, erklärt uns Massimo. Seine Bilder mit den unterschiedlichsten Details erinnern an Wimmelbilder. Für Massimo ist es wichtig, dass jeder Betrachter selber bestimmen kann, was er genau sieht. Es kann gar sein, dass sich die Formen im Bild plötzlich bewegen. Seine grösste Leidenschaft gehört der Musik. Er spielt Gitarre und zwar linkshändig. Er hat uns verraten, dass es nur sehr wenige Musik-Künstler gibt, die linkshändig Gitarre spielen.