Astrid Dörig

Grafikerin / Wirtin / Altstätten



bar-breite.ch
Februar 2016

An einem siedend heissen Mittwochnachmittag machen wir uns auf den Weg zu Astrid. Auf dem Weg zu ihr balancieren wir über Randsteine frisch geteerter Strassen, navigieren durch jeden Meter Schatten in den engen Gassen von Altstättens Altstadt und enden unverhofft in der berüchtigten Rue de Blamage, bevor wir in Astrids Oase ankommen. Obwohl nebenan auf dem Platz Bagger und Walzen rumpeln und die Wespen den nahenden Herbst zu spüren beginnen, fällt bei der Café-Bar Breite alles Hektische und Unangenehme auf der Schwelle ab. Man möchte sich sofort hinsetzen, den Hosenknopf öffnen, einfach die Sonne auf der Haut spüren, und vielleicht zwischendurch mal die Augen öffnen um nachzusehen, ob noch mehr von dieser frischen Limonade zu haben ist.

Du bist ausgebildete Grafikerin und hattest gerade den Einstieg in eine grosse Zürcher Agentur geschafft. Aber du warst auch sehr aktiv im Atelier Sandkasten in St. Gallen und hast auch immer schon den Traum gehabt, etwas Eigenes zu verwirklichen. Dachtest du dabei immer schon an Altstätten?

(lacht) So richtig selbständig wollte ich eigentlich gar nie sein: All die Verantwortung – darauf hatte ich gar keine Lust. Und ich glaube, als Grafikerin wäre ich auch nicht selbständig geworden. Aber den Reiz eines Cafés oder einer Bar habe ich immer gespürt. Wir hatten hier mal einen Club, wo ich immer sehr gerne hinging. Als der aufhörte zu existieren und nie etwas die Lücke füllte, sagte ich mir, dass es doch nicht so schwierig sein könnte, wieder etwas Leben zurückzubringen! Wie es der Zufall wollte, wurde die Pacht in der Breite neu ausgeschrieben, und so habe ich mich mit Bedacht in die Selbständigkeit hineinrutschen lassen.

Viele ziehen weg, wenn ihre Heimat nicht mehr das bietet, was sie suchen. Du hast dich für einen anderen Weg entschieden und begonnen, das Städtchen nach deinen Vorstellungen mitzuprägen.

Nun, ich bin ja zwischenzeitlich weggegangen, nach Zürich. Ich wohne sogar immer noch dort; und dieses Abenteuer hier funktioniert auch nur, weil ich gleichzeitig in beiden Welten leben kann. Und weil die meisten meiner Freunde auch noch hier wohnen, prägen wir die Stadt jetzt gemeinsam.

Meinte niemand, dass du mit 23 Jahren zu jung seist, um so ein grosses Ding zu schaukeln?

Es gab natürlich auch die Zweifler. Einmal sprach ich mit einer Barbesitzerin aus Zürich; sie war meiner Idee gegenüber recht skeptisch. Sie betonte, wie stressig ein Gastronomiebetrieb sei, dass ich jede Entscheidung alleine treffen müsste und alles auf meinen Schultern lasten würde. Und dass 50 % der Betriebe wieder eingingen. Handkehrum waren meine Freunde begeistert von der Idee und voller Elan. Sogar mein Vater, ein sehr kritischer, faktenzentrierter und analytischer Mensch, hielt den Plan nicht für unmöglich (lacht).

Was hat dir bei diesem Entschluss denn am meisten Mut abverlangt?

Da kam viel zusammen: Ich hatte gerade den neuen Job in der grossen Agentur angefangen und sehr hart dafür gearbeitet, dorthin zu kommen. Ich war endlich in Zürich angekommen, hatte mein Leben eingerichtet, sogar eine gute Wohnung gefunden. Und jetzt zurück ins Rheintal? Dieser Gedanke hat mir schon Angst gemacht, alles schon wieder loslassen zu müssen. – Gleichzeitig wusste ich: Wenn ich das jetzt nicht mache, wird die nächste Chance nie mehr kommen. Die Vorstellung, dieses Abenteuer nie gewagt zu haben, machte mir dann schliesslich noch mehr Angst als das andere (lacht).

Du bist das Wagnis eingegangen – was ist jetzt für dich die grösste Belohnung für deine Entschlossenheit?

Ich kann ehrlich sagen, dass ich happy bin; es läuft, es läuft immer noch, ich kann davon leben und jeden Tag machen, was ich für richtig halte. Das schätze ich sehr! Niemand bremst mich, ich kann mich hier verwirklichen. – Natürlich ist es auch harte Arbeit. Das wusste ich ja eigentlich auch von Beginn weg, aber ich habe es dennoch unterschätzt. Trotzdem: Meine Gäste haben Freude an der Breite, und wenn sie herkommen und begeistert sind, das gibt mir schon sehr viel.

Du hast auch nicht das Gefühl, dass dir deswegen ein wichtiges Stück deiner Jugend verloren geht? Dass du immer ackern musst, während deine Freunde in den Ausgang und in die Ferien gehen?

Durch diese Phase musste ich natürlich auch hindurch (lacht). Früher war ich ausnahmslos jedes Wochenende mit meinen Freundinnen unterwegs. Wenn ich nicht weg konnte, hatte ich immer das Gefühl, die Welt zu verpassen. Heute gehe ich vielleicht noch einmal im Monat richtig weg und glaube nicht, dass mir viel durch die Lappen geht deswegen. Ausserdem kommen meine Freunde ja zu mir in den Ausgang, ich erlebe also immer noch viel mit ihnen.

Was war deine Vision, als du Bar Breite übernommen hast?

Einerseits wollte ich ein paar gute Parties zurückbringen, mit guten DJs und guter Musik. Das hatte auch lange gefehlt und funktioniert darum heute so gut. Wichtig war mir auch, einen gemütlichen Ort anzubieten mit guten Drinks, mit generell guter Qualität, wo auch viel Neues zu entdecken ist. Es war nie das Ziel, die Gäste abzufüllen und daran möglichst viel zu verdienen – du sollst hier in Ruhe sitzen und ein wenig tratschen können, während gleichzeitig die Kinder im Kies spielen.

Wie sehr hast du denn das Innenleben der Breite selber gestaltet?

Ich konnte vieles übernehmen. Die Möbel, zum Beispiel, stammen nicht von mir. Ich habe einfach kleiner Akzente gesetzt mit meinen eigenen Sachen: Die Lampen, die Schaukelstühle, ich gestalte die Karte selber. Und immer wieder, wenn ich Zeit finde, kommt ein neues Stück hinzu.

Eins deiner diesjährigen Projekte in der Breite waren deine hausgemachten Glacés. Erzähl etwas darüber.

Ich probiere gerne neue Dinge aus. Die Glacés waren so ein Experiment, wo ich selber Freude daran hatte und schnell merkte, dass ich nicht die einzige bin. Ich mache also Drinks in Glacé-Form. Kürzlich fand in der Gegend ein Brückefest statt, und ich wusste, dass bei schönem Wetter ein Glacé einfach jeden glücklich machen würde. Einen Monat im Voraus habe ich mit der Produktion begonnen, am Schluss hatte ich 1000 Stück beisammen – und mein Wagen war am Ende des Wochenendes praktisch leergeräumt! Bei solchen Aktionen entstehen dann oft schon wieder neue Herausforderungen, und beinahe durfte ich für ein Festival mehrere Tausend Glacés produzieren. Ich hätte keine Ahnung, wie ich das bewältigen sollte, schliesslich produziere ich die Glacés alle hier in meiner kleinen Kühltruhe (lacht).

Deine Getränke- und Glacé-Karten sind Schmuckstücke. Hier kannst du auch die kreative Grafiker-Seite ausleben.

Absolut! Ganz ohne Grafik will ich dann doch nicht sein, und so kann ich uneingeschränkt meine eigenen Ideen umsetzen. Die Gestaltung meiner Glacé-Karte hat mir dann grad auch wieder vor Augen geführt, was ich bei Aufträgen als Grafikerin so oft vermisst habe – etwas konsequent ästhetisch umsetzen, mein ganzes Herzblut hineingiessen zu können.

Wenn dich heute jemand nach einer Einsicht fragen würde, was würdest du mitgeben wollen?

Ich bin überzeugt, dass man letztlich die Dinge mehr bereut, die man nicht getan hat. Ein Leben lang zurückdenken und sich sagen zu müssen, hätte ich doch, das ist weitaus schlimmer als etwas anzupacken und daran zu scheitern.