Anny Bruderhofer

Modellistin / St.Gallen



www.atelier.ch
Juli 2012

Zwei riesige Kastanienbäume zieren das kleine Stadtquartier im St.Galler Zentrum und lassen erahnen: Hier muss - gemäss Beschreibung - das Atelier von Anny Bruderhofer sein. Der Blick schweift durch einen Raum mit schönen grossen Fenstern, die den Blick auf das Grün der Bäume freigeben. Es vergehen allerdings nur Sekunden, und der Besucher verliert sich mit seinem Staunen bereits in all den Utensilien. Nähmaschinen, Bilder, diverse Stoffmuster, Werkzeuge, Büste, ein grosser Arbeitstisch und vieles mehr. Am Auffälligsten sind aber die Kleiderständer mit einer riesigen Auswahl an unterschiedlichsten Schnittmustern. Eng aneinandergereiht und mit verschiedenfarbigen Kordeln und Etiketten namhafter Schweizer Designern versehen, hängen sie an den Kleiderständern. Doch sind sie nicht leblos, denn jedes einzelne Schnittmuster hat seine eigene spannende Geschichte zu erzählen. Anny Bruderhofer schenkt einen kleinen Einblick in ihre spannende Arbeitswelt.

Wie lautet die genaue Bezeichnung deines Berufs?

Eigentlich ganz einfach: Modellistin. Aber eben, so einfach wie sich das anhört, ist es nicht. In diesen Beruf werden viele weitere Berufsgruppen verpackt wie Schneiderin, Schnitttechnikerin und teilweise Designerin.

Was soll man sich unter deiner Arbeit genau vorstellen?

Ich habe viel mit Modedesignern und Produzenten zu tun. Die Designer entwerfen eine Kollektion, und der Produzent erstellt danach die gewünschten Kleider. Dazwischen komme ich als Modellistin zum Einsatz. Bei mir im Atelier entstehen die entsprechenden Schnittmuster. Zusammen mit der Designerin oder dem Designer werden die Entwürfe besprochen. Diese Skizzen setze ich dann in Schnittmuster um. Die Schneiderin näht von diesem Schnittmuster ein erstes Musterstück. Anhand von diesem Teil wird dann – in Zusammenarbeit mit der Designerin oder dem Designer – dem Kleidungsstück der letzte Schliff gegeben. Durch meine Arbeit erhält ein Kleidungsstück die optimale Passform.

Was ist deine Herausforderung in deinem Berufsalltag?

Für mich ist die grösste Herausforderung, nicht nur optisch schöne Kleidungsstücke zu erstellen, sondern auch eine optimale Passform zu gewährleisten. Zudem tragen verschiedenste Komponenten zum Gelingen bei, wie zum Beispiel die Wahl des Stoffes oder die ansprechende Innenverarbeitung.

Du arbeitest als Modellistin. Wie kamst du dazu?

Zuerst habe ich in Widnau, im St.Galler Rheintal, Konfektions- und Industrieschneiderin gelernt und mich dann an der Schweizerischen Textilfachschule in Schnitttechnik und Design weitergebildet, bevor ich bei verschiedenen Designerinnen in Zürich gearbeitet habe. Mit 30 Jahren habe ich hier in St.Gallen mein eigenes Atelier eröffnet. Es ist auch nach 18 Jahren immer noch ein schönes Gefühl, mit den unterschiedlichsten Schweizer Designerinnen und Designern zusammenzuarbeiten und ihre Entwürfe in Schnittmuster umzusetzen.

Die Textilbranche ist ein ‹Auf und Ab›. Wie bekommst du die Schwankungen mit?

Der Textilmarkt ist ein ‹hartes› Brot. Der Konsument verzichtet vor allem in der heutigen Zeit auf hochwertige Kleidungsstücke und kauft bei Billigproduzenten ein. Dies spürt meine Kundschaft umgehend, denn sie lassen ihre Kleidungsstücke in der Schweiz oder in Europa produzieren. Und das schlägt sich im Endverkaufspreis nieder.

Du hast ein Könner-Auge, wenn es um Kleider und deren passenden Schnitte geht. Kaufst du deine Kleider ausschliesslich bei deinen Kunden?

Natürlich bevorzuge ich Kleider, deren Schnittmuster ich erstellt habe. Für mich ist es wichtig zu spüren, wie sich meine Kleider anfühlen und tragen lassen. Dabei spielen Tragkomfort und Bequemlichkeit eine entscheidende Rolle.

Woher kommt deine Inspiration?

Ich blättere viel und täglich in den verschiedensten Modezeitschriften oder bin pro Jahr ein- bis zweimal in Paris oder London. Dort inspiriere ich mich immer wieder aufs Neue. Aber auch Ausstellungsbesuche von internationalen Modedesignern wie Martin Margiela oder Yohji Yamamoto geben mir immer wieder neue Impulse für mein tägliches Arbeiten.