Andy Guhl

Künstler und Musiker / St.Gallen



andy.guhl.net
Januar 2013

« Das Abstrakte ist für mich extrem genug konkret »

Andy Guhl fesselt mit Ton und Bild. Im Atelier ertönen elektronische Klänge. Es scheint fast, als hätte er die elektronische Musik erfunden. Das Atelier über den Dächern von St. Gallen ist schon fast eine Fundgrube von ganzen Generationen von Fernseh-, Radio- und weiteren Alltags-Elektronikgeräten. Man kann stundenlang immer wieder neue alte Geräte entdecken. Hier, wo er experimentiert und für seine Auftritte übt, spürt man die Kreativität und die Energie, die sich im Raum befindet.
Der Klangkünstler liebt das «kreative Chaos». Durch Experimentieren bringt er Alltagsgegenstände zum Klingen und generiert daraus auch noch visuelle Kompositionen. Diese hält er dann mit Hardwarerecording / DVD in Bild und Ton fest.

Andy, es ist schwierig, deine Tätigkeit in Worte zu fassen. Was machst du genau?

Elektromagnetische Wellen von diversen Geräten werden gesammelt und von einem Empfänger und/oder einer Kamera empfangen und dann von mir umgeformt. Daraus entsteht elektronische Musik und bewegte Bilder, zum Teil ganze Beats, die durch einen Verstärker / Beamer wiedergegeben werden. Die verschiedenen Magnetfelder der Geräte lassen sich auch mischen, so dass zum Teil schon fast «ausserirdische» Klänge entstehen. Die vom Beamer wiedergegebenen Bilder unterstützen die Musik oder sind bewusst gegen die Musik. Es entstehen abstrakte Formen und Muster in faszinierenden Farben. Wie auch beim Kontrabass-Spielen muss man sich an die Töne herantasten und herausfinden, was welchen Klang ergibt. Durch die Kürzung der Saiten werden die Töne höher. Auch hier werden die Töne je nach Distanz zum Empfänger verändert. Das Prinzip ist dasselbe, es ist einfach eine weniger codierte Spielweise. Wichtig ist vor allem, dass man Raum für die Umgebung offen lässt. In meiner Musik wird die Umgebung einbezogen. Auch wenn ich die Performance im Atelier perfekt geübt habe, muss ich flexibel und spontan sein, weil an anderen Orten oftmals wieder andere Voraussetzungen herrschen. Heutzutage wird elektronische Musik vor allem mit dem Computer in Verbindung gebracht. Ich habe das natürlich auch erprobt. Aber das ist im Moment nichts für mich. Ich brauche das Taktile, Fassbare, wo sich durch Zufälle Neues ergibt oder durch Überlegungen Dinge entstehen.

Wie kam es, dass du diese spezielle Art von Kunst der Öffentlichkeit präsentierst?

Entstanden ist es vor allem aus eigenem Nutzen. Früher hörte man Musik mit Schallplatten. Ich hatte aber damals 1963 keinen Verstärker zur Hand. Was ich hatte, war ein kleiner Radio, der nicht mehr funktionierte. Daraus entstand dann ein Plattenspieler, der die Signale in den Radio lenkte, um die Klanglichkeit nutzen zu können. Ohne dass ich es wollte, vermischte sich der Sender mit der Musik. Damals wollte ich dies natürlich «noch» nicht. Heute ist es eine wertvolle Erfahrung, von der ich immer noch profitiere. Ich forsche und entdecke fast täglich Neues und versuche dann die Neuigkeiten in meine Kunst einzubinden. Das Meiste, was ich hier umsetze ist aus meinem Sekundarschulstoff. Physik fasziniert mich. Elektromagnetismus und Optik waren für mich schon immer eindrückliche Dinge, die ich zusammenführen möchte. In diesen Bereichen bilde ich mich auch immer weiter. Als Kontrabassspieler versuchte ich natürlich, bekannte Jazz-Stücke nachzuspielen. In dieser Zeit ging die elektronische Musik wie vergessen. Das war auch der musikalische Anfang von Norbert Möslang und mir. Die ersten 12 Jahre spielten wir nur mit den herkömmlichen – zum Teil umgebauten – Musikinstrumenten. Die elektronische Musik habe ich schon immer als etwas sehr Magisches empfunden. Als Duo «Möslang-Guhl» und «Voice Crack» haben wir diese Elemente in unsere Musik eingebaut und eine neue Art von elektronischer Musik entwickelt. Durch das Einbinden der elektronischen Musikelemente erweiterte sich unsere Klangwelt.

Was ist dein Werdegang?

Ich habe Bauzeichner gelernt und führe seit mehr als 20 Jahren ein eigenständiges Büro und begleite kleine Umbauplanungen. An der GBS in St. Gallen unterrichte ich seit 1987 in der gestalterischen Abteilung. Die Arbeitsbereiche vermischen sich. Dies ist ein Glücksfall. Die drei «Berufe» haben natürlich Synergien, die ich nutzen kann: Ideenfindung, Planung, Organisation, Gestalten und Umsetzen. Ich habe schon Workshops in diversen Ländern gegeben. In meinem Atelier besteht immer wieder die Möglichkeit, reinzuschauen und etwas zu finden. In diversen Unis (z.B. HsLu Luzern) gebe ich Kurse oder erarbeite mit Studenten multimediale Projekte.

Wo hast du schon überall gespielt?

Mit Voice Crack waren wir praktisch weltweit unterwegs. Wir waren in Australien, Neuseeland, aber auch Süd- & Nordamerika, wie auch im Norden – in Schweden. England, Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich und Italien gehörten ebenfalls zu unseren Konzert-Destinationen. In den letzen vier Jahren war ich mit meinem Soloprogramm «The Instrument» in New York, Peking, Wusi, Korea, Dehli und Bangalore sowie Europa.

Was war deine spannendste Erfahrung?

Der Kulturaustausch mit Indien. Da habe ich in Kunstschulen und Ausbildungsstätten Workshops und Konzerte gegeben. Meine Arbeit wurde sehr geschätzt und begeisterte, da die Studenten vor allem mit Hard- & Software arbeiteten. Diese brachiale Art, wie ich sie anwende, kannten sie nicht wirklich.

Hast du auch schon negative Erfahrungen gesammelt?

Da muss ich kurz nachdenken. … Ja, in Zürich bei einem Konzert kam es einmal soweit, dass mir die Veranstalterin den Stecker rausgezogen hat. Ihr gefiel unsere Musik nicht. Aber die Zuschauer wollten uns ja eigentlich hören. Im Ausland ist es mir drei bis vier Mal passiert, dass die Tontechniker diese Musik nicht verstanden und falsch abgemischt haben. Am Schluss hat man im Saal praktisch nichts mehr gehört. Nur auf der Bühne über die Monitore!

Welches der beiden Elemente Bild / Musik ist dir wichtiger?

Die Musik. Ich komme aus diesem Bereich. Das Bild ist wie eine zusätzliche Dimension der Musik. Sie finden aber je länger je mehr zusammen. Trotzdem ist es schön, dass ich die beiden Elemente auch wieder voneinander trennen kann. So habe ich auch schon Konzerte ohne Bild gegeben – und andersrum habe ich in letzter Zeit schon VJ mit DJ’s und Musikern zusammengespielt.

Gab es nebst Konzerten und Ausstellungen noch weitere Projekte im Bereich der Kunst und Kultur?

Es gab schon einige Projekte, bei denen ich für die Kunst am Bau eingeladen wurde. Auch habe ich verschiedene Bilder und Bildserien verkaufen können. Ich habe mit Künstlern gesprochen, die der Meinung sind, Malerei geschehe nur mit richtigen Farbpigmenten. Ich sehe das ein bisschen anders. Eigentlich mache ich ja nichts anderes. Ich habe nur eine andere Quelle, woraus ich die Bilder schöpfe. Ich arbeite mit einem anderen, elektronischen «Pinsel». Farbpigmente werden dabei von einem Farbdrucker oder fototechnisch auf den Bildträger aufgetragen.

Was inspiriert dich?

Naturwissenschaften, mikroskopische Aufnahmen von Insekten oder organischen Teilchen. Makrokosmos, Teleskope, die Radiowellen empfangen können und sie in Bilder umrechnen. Eine Form, die plötzlich einen Inhalt erhält. Das Abstrakte ist für mich extrem genug konkret. Amöben und Radiolarien finde ich wahnsinnig schön. In Geräte eintauchen. Vielleicht ist das, was ich habe auch eine Art Teleskop, mit dem man an neue Orte herankommt – klanglich – wohin man sonst gar nicht gelangen kann.

Was treibt dich an, immer wieder weiterzumachen?

Ich entdecke immer wieder etwas Neues, und meine Arbeitsmaterialien werden immer kleiner. In Zukunft ist es mein Ziel, neuere digitale Geräte zu hacken. iPods, Handys, obwohl ich das auch schon versucht habe, und ich dabei sagen kann, dass ältere Geräte interessanter sind. Die neuen Geräte sind fast zu gut gebaut und lassen mich bis jetzt nicht viel mit sich machen. Ausserdem ist es spannend, den Raum mit einzubeziehen. Dies erreiche ich z.B. durch Prismen, die das Bild an der Decke etc. wiedergeben. So entstehen faszinierende Muster, auch unter Einwirkung von aussen. Ich lasse die Digitalisierung in einer optischen Dimension wiedergeben.

Warum seid du und Herr Möslang eigene Wege gegangen?

Vielleicht, weil wir zu gut geworden sind. Beide haben in dieser intensiven Zusammenarbeit sehr viele Erfahrungen gesammelt. Irgendwann blockiert man sich gegenseitig, und die Interessen gehen in andere Richtungen.